Kultur : Geschichten vom Gürteltier

J. T.

Wenn Clorindo Testa, der große alte Mann der argentinischen Architektur, aus dem Fenster seines Ateliers in Buenos Aires blickt, dann sieht er auf ein paar niedrigere Häuser und eine helle Brandwand. Scheinbar beliebig verteilen sich ein paar Fenster über diese Wand, manche hochrechteckig, andere quer. Aber nein!, meint Testa, der jetzt zu einem Vortrag in die TU Berlin gekommen war, solch eine Muster sei kein Zufall. Und tatsächlich: Wer genau hinschaut, entdeckt, dass die Fenster auf zwei sich kreuzenden Achsen liegen. Und das Fenster in ihrem Schnittpunkt ist sogar rund. Das kann kein Zufall sein. Oder doch? Das müsse an den Genen liegen, meint Testa.

Von den Genen ist viel die Rede an diesem Abend. Von denen in der Natur, aber vor allem von denen der Architektur. Höchst ironisch und stets amüsant breitet Testa seine Architekturphilosophie aus. Er redet von den Strukturen, die er wahrnimmt, und von jenen Dingen, die bereits da waren, lange bevor die Architektur kam. Von der Sehnsucht der alten Ägypter - etwa nach den Sandbergen, die sie mit ihren Pyramiden nachgebildet haben. Und er erzählt die Geschichte von den Resten eines vorgeschichtlichen Gürteltieres, die bei den Ausschachtungsarbeiten seiner Nationalbibliothek in Buenos Aires (1972/95) zu Tage traten.

Seit der Eiszeit habe das Tier in der Erde gelegen. Für Testa ist klar, dass es nur darauf gewartet hat, bis es durch seine Bibliothek abgelöst wird, die selbst wie ein Tier aussieht - nur aus Beton gegossen. Ein Haus, das sich auf seine vier Pfeiler-Pfoten stützt, einen gläsernen Kopf trägt und einen Betonbauch besitzt. So ungewöhnlich und vital wie die Geschichten, die der 1923 in Neapel geborene Testa erzählt, sind auch seine Gebäude. Hartnäckig versperren sie sich einer stilistischen Festlegung. Seine frühen Arbeiten aus den fünfziger und sechziger Jahren - wie die "Bank von London und Südamerika" (1959/66) - weisen durch die bevorzugte Verwendung des rauen Sichtbetons eine Nähe zur Architektur Le Corbusiers auf, aber auch zu den stadträumlichen Visionen der japanischen Metabolisten. Die späteren, nicht minder provokativen, dennoch privater wirkenden Arbeiten der achtziger und neunziger Jahre sind dagegen von der starken Farbigkeit ihrer Fassaden gekennzeichnet. Doch alle Bauten Testas eint ihr skulpturaler Charakter. Kein Wunder, hat der Argentinier doch nicht nur als Architekt, sondern auch als bildender Künstler weltweit einen großen Namen.

Der Begeisterung, die Testas Kunst verbreitet, hat sich auch Kristin Feireiss nicht entziehen können. Kurzerhand stellte sie als damalige Leiterin des Niederländischen Architekturinstitut (NAI) im Jahr 2000 seine Arbeiten in Rotterdam aus. Zu dem von Manuel Cuadra verfassten Katalog steuerte Hans-Jürgen Commerell die Fotos bei, die das ganze Spektrum einer langen Architektenlaufbahn auffächern.

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