Kultur : Geschick & Geschichte

Deutschlandbilder: Zum Tod des Berliner Historikers und Publizisten Peter Bender

Hermann Rudolph

In der Debatte, die das Erscheinen des letzten Bandes von Hans-Ulrich Wehlers monumentaler deutscher Gesellschaftsgeschichte ausgelöst hat, war der Beitrag von Peter Bender der eindrucksvollste. Nicht so sehr, weil er den Historiker an einem Punkt der Schwäche erwischte, sondern wegen der gegensätzlichen Verständnishorizonte, die seine Kritik an Wehlers Umgang mit der DDR (erschienen am 24. September in der FAZ) freilegte. Er erkannte sie als Konsequenz unterschiedlicher Deutschlandbilder. Bei Wehler, geboren 1931, die an den Westen angelehnte Bundesrepublik, für Bender, Jahrgang 1923, ein Land, das noch unangefochten von Freiburg bis Tilsit reichte. Für Bender ist der Aufsatz zu einer Art Vermächtnis geworden. Am vergangenen Sonnabend ist er in seiner Heimatstadt Berlin gestorben.

Denn die brillante Polemik enthielt auch das Bekenntnis des Journalisten und Publizisten, wie sehr für ihn, der über Jahrzehnte hinweg die deutschlandpolitische Debatte mitbestimmte, Teilung und Einheit Lebensthemen gewesen sind. Es war der Maßstab des ganzen Deutschland, der ihn daran festhalten ließ, dass die DDR – so „finster und unzugänglich sie sich darbot“ – als Teil Deutschlands mitzubedenken sei. Daraus erwuchs das politische Credo, auf das er schwor: „Wenn sich die Teilung nicht überwinden ließ, dann musste man versuchen, wenigstens die Trennung zu durchbrechen, um die Verbindung der Menschen zu bewahren.“ Es sollte für den Fall des Falles „noch etwas da sein zum Vereinigen“.

Bender hat bei der Geburt der neuen Ost- und Deutschlandpolitik Mitte der sechziger Jahre Hebammendienste geleistet, um das mindeste zu sagen; seine Streitschrift „Offensive Entspannung“ von 1964 hat für sie kräftig die Fanfare geblasen. Und so lenkt sein Tod den Blick auf das alte Schisma, an dem sich damals die Geister schieden und die in der Frage nach Nutzen und Nachteil dieser Politik weiterlebt. Hat die Entspannungspolitik, die von der friedlichen Revolution und vom Vereinigungsprozess zur Seite geschoben wurde, positiv auf die Vereinigung gewirkt? Oder hat sie den Untergang der DDR verzögert und die gesamtdeutsche Verpflichtung der Bundesrepublik veruntreut?

Gewiss hat Bender damals kräftig mitgefochten, etwa als er 1968 „Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR“ fand. Aber je länger, desto mehr suchte er nach einer Perspektive, die die deutsch-deutsche Situation im größeren Rahmen begreifbar machte. Zum cantus firmus wurde die Anstrengung, zusammenzudenken, was auf so unterschiedliche Geschichtsbahnen geraten war: erst in der Figur von „Deutschen Parallelen“ (1989), dann, nach dem als Einbruch des Wunders in die Geschichte zu begreifenden Sich-Treffen der Parallelen in der Frage, ob die Teilung „Episode oder Epoche“ (1996) sei. Er, der studierte Historiker, optierte übrigens für Episode.

Stets mischte sich bei ihm die Kraft origineller Analyse mit einem souveränen Geist und streitbarem Temperament. Unerreicht seine Virtuosität des zuspitzenden Argumentierens, auch wenn sie gelegentlich mit Überspitzung erkauft war. Staunenswert bewahrte er diese Intellektualität bis ins hohe Alter, tätig bis zum Ende. Hatte er in der Nachkriegszeit die Nation im Kampf mit sich selbst gesehen, so erschien ihm nun die Vereinigung als – mit dem schönen Titel seines letzten Buches – „Deutschlands Wiederkehr“.

Wer dieser publizistische Existenz gerecht werden will, wird sich eingestehen müssen, dass es die tief verwurzelte Verbindung mit dem Geschick des Landes war – und Geschick hat etwas mit Geschichte zu tun –, die Peter Bender mit den schwierigen deutsch-deutschen Gebrochenheiten leben und leiden ließ. Und wenn er die DDR manchmal besser verstand, als sie es verdiente, dann nicht aus sozialistischen Sympathien – davon war er denkbar frei –, sondern wegen der Menschen, die mit diesem System leben mussten. Darf man darin einen hartnäckigen Fall von Patriotismus erkennen? Bender, ein großer Stilist, resistent gegen große Worte, hätte sich vielleicht dagegen gewehrt. Der Verdacht bleibt dennoch berechtigt.

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