Kultur : Geschirrspüler

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

eine amerikanische Lebensgeschichte

Der amerikanische Autor Anthony Bagette hat ein Theaterstück mit dem Titel In the Dishroom geschrieben, benannt nach einem Song von Jay Oliver. Es handelt von den Lebensbedingungen, die Musiker wie der 1993 in Kreuzberg verstorbene Bassist und Komponist Oliver hier vorfanden. Er kam im Dezember 1973 zum ersten Mal nach Berlin. Gleich nach seiner Ankunft rieten ihm seine Bekannten, die Kneipen mit den weißen Gardinen zu meiden. Er befolgte den Rat und zog 1983 endgültig in die Mauerstadt, „weil es meine Stadt war“, sagt er. Bis sich vieles änderte – mit dem Fall der Mauer. Oliver nannte sich einen amerikanischen Farbigen afrikanischer Abstammung. Wollte man etwas über seine Musik erfahren, spekulierte er über die Farbe der Klänge. Er sprach Deutsch, und er ärgerte sich über die Kassiererin des um die Ecke gelegenen Supermarkts, wenn sie ihm, dem schwarzen Amerikaner, das Rückgeld nicht in die Hand gab, sondern in die Plastikschale legte. In Kreuzberg bewohnte er ein WG- Zimmer. Ein eigenes Zimmer, auf das er stolz war, denn das konnte er sich früher nicht leisten.

In New York hatte er sich mit seinem Musikerfreund, dem Saxofonisten Frank Lowe, der Ende vergangenen Jahres starb, einst einen Raum geteilt und ein Bett. Nachts arbeitete Oliver als Radioansager, Lowe fuhr tagsüber Taxi. In New York hatte Oliver auch als Tellerspüler in einem Restaurant zu tun, wo mittags bis zu 2000 Menschen für eine schnelle Malzeit vorbeischauten. Danach ging er zur Konzertprobe, und er erinnerte sich daran, wie normal es war, dass die Musiker nach Essen rochen, nach Fisch oder Schmieröl.

In Berlin arbeitete Oliver als Barkeeper in einem kleinen sudanesischen Restaurant. Davon zahlte er die Miete und dort traf er Menschen, die ihn nicht als Musiker kannten. Das helfe, auf dem Boden zu bleiben, sagte er. Fast acht Jahre lang spielte er hier in Alexander von Schlippenbachs Gruppe, leitete eigene Bands und tourte mit Keith Tippet, Peter Brötzmann oder Rüdiger Carl. Ein Jahr vor seinem Tod, er starb im August 1993 im Alter von 50 Jahren in Kreuzberg, wurde es um den Musicians Musician ruhiger.

Jazzmusiker haben in der Regel keinen Manager, sondern ein Telefon. Wenn man zuviel streitet, dann ruft irgendwann keiner mehr an. „Meine Ärzte hassen mich“, sagte er, lachte und trank, rauchte und stritt weiter. „Ich bin nicht daran interessiert, gesund zu sterben, wenn man alles dafür aufgeben muss, was lebenswert ist.“ Sein letztes Konzert spielte er mit einem Istanbuler Perkussionisten, einem Saxofonisten aus Los Angeles und einem New Yorker Schlagzeuger im mit 17 Zuhörern ausverkauften Hinterraum einer Kreuzberger Musikkneipe. Jay Oliver hinterließ einen Bass, einen Stapel Kompositionen, zahlreiche Kassetten voller Konzertmitschnitten und 100 Mark in seiner Brieftasche. Am Mittwoch um 20 Uhr im Club Contraction (Bachstraße S-Bahn Bogen 475, Tiergarten) wird seine Geschichte mit „In the Dishroom“ noch einmal erzählt.

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