Kultur : Geschlechtsreife Großstädter zur Paarungszeit

Rüdiger Schaper

Merkwürdig verhalten: Ivan Stanevs Versuch, Geilheit in Kunst zu verwandelnRüdiger Schaper

In der Villa Borghese in Rom befindet sich die lebensgroße antike Skulptur eines schlafenden Hermaphroditen. Dem Besucher ist der Rücken zugekehrt, der zugleich lockende wie abweisende Anblick ist unvergesslich. Nun drängen wir uns jetzt aber nicht durch ein römisches Museum, sondern wir sind in den Berliner Sophiensälen, und man hat hier auch nicht einen Palazzo nachgebaut, sondern eine legendäre Szene-Bar, das Kumpelnest 3000. Aber auch das ist kein kleiner Sprung und reichlich absurd - vom alten West-Berlin nach Mitte und von den achtziger Jahren, als das Kumpelnest 3000 seine plüschige Pforte öffnete, ins Jahr 2000.

Bitte nicht anfassen!

Es gibt auch hier einen Hermaphroditen. Er, sie, es heißt Krylon Superstar, eine schwarze Drag-Queen aus New York, die ihren nackten, eingeölten Körper unschuldig in weiße Daunenfedern taucht und wunderschöne Gospels singt. Es gibt eine Reihe aufreizender, abstoßender Erscheinungen: eine Domina, die das Publikum anschnauzt, eine Pornodarstellerin, die nackt Getränke serviert (aber nur ihren Kollegen), einen tuntigen Don Juan usw. Das falsche Kumpelnest 3000, heller und naturgemäß cleaner als das Original, gleicht einer Porno-Hölle. Eine Falle: Denn nach der Riesenpropaganda vor dieser Premiere erwartet das Publikum eine Theaterparty oder Performance-Gaudi, irgendetwas Abgefahrenes, aber gewiss nicht die strenge Demonstration des Elends einer industrialisierten Sexualität.

Entgegen der Vorankündigung darf im Kumpelnest II, das wie ein Container im großen Sophiensaal steht, nicht geraucht und nicht getrunken werden, das Berühren der Darsteller ist ausdrücklich untersagt. Die Zuschauer hocken, zusammengepfercht, auf unbequemen Stühlen oder schauen, von einer kleinen Tribüne, von draußen herein. Dieses Kumpelnest ist kalt, die Aufführung über weite Strecken eine Tortur. Aber die Reizausschüttung hat funktioniert: Fernsehteams liefen dem Kumpelnest-Regisseur Ivan Stanev die Bude ein, ein paar scharfe Bilder sind alles, der Zusammenhang nichts.

"Alle suchen nach dem ultimativen Kick. Doch vieles, vielleicht alles ist mittlerweile ausprobiert worden - eine wirkliche Grenzüberschreitung scheint in Berlin nicht mehr möglich zu sein": Das Kleingedruckte auf der Vorankündigung hat offenbar kaum einer gelesen. Und wer Ivan Stanevs Arbeit kennt, konnte sich ausmalen, dass hier kein wohlfeiler Kit-Kat-Club für jedermann eröffnet wird. Stanev ist ein Theatermann, der - vorsichtig ausgedrückt - mit den Erwartungen der Zuschauer spielt. Man könnte auch sagen: Er stößt die Leute gelegentlich vor den Kopf. Im Hebbel-Theater wurde 1991 sein Stück "Hermaphroditus" aufgeführt, nach den pornographischen Epigrammen des Antonio Beccadelli, der im 15. Jahrhundert lebte; es kam zur Saalschlacht. Weil Stanev und sein Ensemble messerscharfe Andeutungen machten und Sexualität vor zehn Jahren womöglich noch ein Tabu war.

Nicht mehr. Stanev hat neue Textquellen. Er übernimmt die These des französischen Romanciers und Pamphletisten Michel Houellebecq ("Ausweitung der Kampfzone", "Elementarteilchen"), dass die Welt ein einziger Sex-Supermarkt geworden sei, mit tödlich frustierten Kunden. So bekommt man als erstes die aggressiven, depressiven, rassistischen und verblödeten Sprüche eines Handelsvertreters (Stefan Hufschmidt). Darauf erzählt ein degenerierter Blaubart (Peer Martiny) dreckige Witze. Und die Nutte Elisabeth (Malte Rudhart) bricht einem fast das Herz, wenn sie von der Love Story mit dem eigenen Vater erzählt. Das ist kein Spaß hier. Es ist böse. Es ist dilettantisch und manchmal unerträglich, wie das Gemurmel des verbannten Dichters Ovid (Ulrich Berger), der in grauer Vorzeit seine beglückende "Liebeskunst" erfand: jetzt nur noch ein alter, zahnloser Mann vor der Projektion einer Meereskulisse.

Maschinen des Selbstorgasmus

Das Hermaphroditische zieht sich als ein Leitmotiv durch Stanevs Arbeit: das Doppelgeschlechtliche als Erlösung von den Trieben, vom Paarungszwang? Ein Trugschluß. Vor dem Kumpelnest in den Sophiensälen steht ein vierbeiniger Apparat, der an Hans Bellmers surrealistische Puppen erinnert und wahren Horror verbreitet. Das Ding hat einen Stecker, und wenn man es einschaltet, beginnt es, sich unaufhörlich selbst zu penetrieren. Ein Sinnbild dieses langen Abends: Sie hören nicht auf, über Sex zu reden, auf dem Tresen herumzukriechen, an der Stange zu turnen, jeder mit sich allein, autistisch auf sich selbst bezogen. Es kommt zu keinerlei Interaktion. Auch nicht mit dem Publikum. Stanevs Leute - die wenigsten sind Schauspieler, die meisten Szene-Gestalten mit dem Drang zur Öffentlichkeit - bevölkern ein tristes Bestiarium. "Don Juan im Kumpelnest 3000 zu Berlin" ist eine fiktive Untergangsszenerie an einem fiktiven Ort. Es gibt kein Drama mehr, wir lesen Scherben zusammen.

Und trotzdem unternimmt Stanev im zweiten Teil den Versuch einer genuin erotischen Erzählung. Die Schauspielerin Jeanette Spassova - sie hat Stanev über all die Jahre begleitet und war immer das Herzstück seiner Kopfgeburten auf der Bühne - kommt mit Georges Bataille, dem Klassiker. Es handelt sich um den "Toten", der letzten Erzählung aus Batailles "Obszönem Werk". Sie kommt mit einem Skelett ins Kumpelnest, sie trägt eine weiße Korsage, und plötzlich ändert sich der Ton, weil die Frau die absolute Nacktheit und fatale Unterwerfung demonstriert, ohne sich zu entblößen. Das ist der Unterschied von Porno-Show und Theater. Spassova spielt die Figuren des Textes - Marie, den Grafen, die Burschen in der Schänke - durch wie in einem Kindertheater, mit verstellten Stimmen. Man muss ihr die Bataillesche Orgie nicht wörtlich abnehmen, aber man versteht, dass Erotik das Gegenteil von betriebsmäßiger Zurschaustellung ist. Es wäre konsequent, nach diesem poetischen Auftritt das Kumpelnest zu zerlegen. Genug Ärger, Enttäuschung und Langeweile haben sich vorher aufgestaut.Die nächsten Aufführungen sind vom 22. bis 26.11., jeweils um 21 Uhr

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