Kultur : Geschlossene Gesellschaften

Silvia Hallensleben

An einem langen Geländer tasten sich Frauen durch einen Garten. Wenn sich zwei fremde Hände treffen, tasten sie das Gegenüber blitzschnell und kundig ab. Ein großer Teddybär wird einer alten Frau zum Medium, mit ihrem verstorbenen Ehemann "da oben" zu kommunizieren. Der zehnjährige David muss sich nach einem Autounfall und langem Koma mühsam wieder das Selbstverständliche aneignen: Verstehen, Sprechen, Gehen.

"Taubblind" (2001), "Altenheim" (1999), "Dauercamper" (1997), und "Dornröschen - Zwei Kinder erwachen aus dem Koma" (1996). Die Titel der jüngsten Filme von Wolfram Seeger scheinen genau jenes Schreckenskabinett zu bezeichnen, als welches dem unterhaltungssuchenden Kinobesucher der Dokumentarfilm immer galt: Graugrau, öde und deprimierend. Und es stimmt. Wolfram Seeger zeigt in seinen Filmen die Lebenswelten, die die Spaßgesellschaft gewöhnlich ausblendet und die mittlerweile auch im Dokumentarfilm nur noch selten vorkommen. Ein Kölner Altersheim. Bewohner und Lehrerinnen des Potsdamer Oberlin-Heims für Taubblinde. Eine Reha-Klinik für Kinder. Und einen sauerländischen Dauer-"Zelt"-Platz, von den Stammgästen nach der angrenzenden Talsperre "Sorpe" genannt. Unbekannte, fremde Welten. Nur grau sind sie nicht.

Offensichtlich, das zeigt auch das frühere Schaffen des seit 1977 für den WDR arbeitenden Regisseurs, ist Seeger von geschlossenen Einrichtungen fasziniert. Denn auch die "Sorpe" ist eigentlich eine Anstalt, mit Bierbude statt Speisesaal, Wohnwagen statt Zimmern, Regeln und festgefügter Hierarchie. Konsequenterweise werden sommerliche Kurzzeitgäste von den Stamm-Insassen als "Schönwettercamper" disqualifiziert. Ganz jung sind die meisten nicht mehr, Wanderungen beschränken sich auf den Weg vom Stellplatz zum Kiosk und zurück. Dort sorgt Hotti für die Bierversorgung, ein Nerven- und Knochenjob, weil gut getrunken wird und er als Platzwart auch für Ordnung und Harmonie sorgen muss.

Der Kamera vertraut Hotti auch unfreundliche Wahrheiten über seine Kundschaft an. Meist werden bei Seeger aber die Konflikte klein gehalten. Es sind wohlwollende Filme, von Anklage keine Spur. Selbst das Altenheim ist hier erst einmal ein freundlicher Ort. Und: Seeger präsentiert seine Welten als Normalzustand, nicht als Faszinosum. Dabei befolgt der Grimme-Preisträger durchgängig das immerselbe Rezept: Beobachtende Sequenzen wechseln mit Interviews und atmosphärischen Nahblicken auf Details. Die Aufmerksamkeit des Regisseurs ist dabei gleichmäßig auf die Protagonisten verteilt, ohne dass einem oder einer von ihnen besondere Aufmerksamkeit zugeschoben würde. Das ist gerecht, verhindert aber auch, dass uns seine Figuren ans Herz wachsen.

Für solche romantische Eskapaden ist Seeger vermutlich einfach zu anständig. Seine Filme produzieren solidere Gefühle: jenen Respekt etwa, den auch der Autor seinen Protagonisten entgegenbringt. Verständnis. Mitgefühl. Altmodisch ist das schon, aber durchaus im guten Sinne. In ihrer beharrlichen Konsequenz erscheinen die vier Filme von Wolfram Seeger, die das fsk-Kino in den nächsten Wochen zeigt, schon jetzt wie Dokumente einer vergangenen Fernsehzeit.

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