Kultur : Geschmacksfrage

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Jörg Königsdorf sucht den

Gaumenkitzel in der Komischen Oper

Am Ende wird eben doch immer die Rechnung präsentiert. Gerade hatte Andreas Homoki noch das üppige fünfgängige Premierenmenü für seine zweite Saison präsentiert und der versammelten Kritik den Mund wässrig gemacht: Richard Jones, Willy Decker, David Alden und Calixto Bieto, allesamt Starköche der Opernregie, werden kommen und Stücke wie „Wozzeck“, „Entführung“, „Jenufa“ und „Alcina“ wahlweise zu Geschnetzeltem, Ragout fin oder Püree verarbeiten. Und dann reicht eine einzige Zahl, um zu zeigen, dass das Publikum eben doch lieber bei seinem altvertrauten Eintopf und bei der klassischen Küche bleibt. Zu ganzen 56 Prozent waren die Musiktheatervorstellungen der Berliner Komischen Oper im Jahr Eins der Ära Homoki ausgelastet, das ebenso mutig den zeitgenössischen Tanz hoch haltende Ballett lag sogar nur bei 45 Prozent. Das Stammpublikum wollte weder die vom Chef selbst in Dosenbier gekochte „Verkaufte Braut“ noch Daniel Slaters tranchierten „Vogelhändler“ noch die heftig gewürzte Fischsuppe sehen, die Katja Czellnik jüngst aus Brittens „Peter Grimes“ gekocht hat. Dennoch will Homoki bei seinem Kurs bleiben – genau wie ein guter Restaurantbetreiber, der nicht plötzlich auf Wiener Schnitzel umsteigen will, nur weil seine Gäste sich der Nouvelle Cuisine verweigern. Und damit hat er auch Recht: Erstens gibt es eh schon genug Häuser, wo Oper nach bekannten Rezepten angerichtet wird, und zweitens muss er sein Lokal erst noch bei den Leuten bekannt machen, die auf seine kulinarischen Experimente neugierig sind. Die füllen bislang eher Häuser wie Castorfs Volksbühne. Und würden sicher auch gerne mal woanders essen. Auch wenn die Kost manchmal nicht so leicht verdaulich ist.

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