Kultur : Geschnitten

Nadja Schöllhammers Werk in der Galerie Saheb

Claudia Wahjudi

Erst erkundete der Mensch Kontinente und Ozeane, und als auf den Landkarten kein weißer Fleck, keine terra incognita mehr übrig war, flog er ins All und erfand den digitalen Raum. Doch obwohl er alles untersucht und kartografiert hat, fürchtet er sich weiter vor monströsen Wesen und Welten, wie sie in der Tiefsee oder in der Psyche lauern könnten. Nadja Schöllhammers Installation „Terra Incognita“ gibt diesen Ängsten Gestalt. Ihre riesige Installation aus zerschnittenem Papier, die fast die ganze Galerie Alexandra Saheb füllt, ähnelt einem apokalyptischen Meer voller halb verwester Ungeheuer. Hier und da verstecken sich Motive wie aus Märchenbüchern oder böse Kindergesichter. „Terra incognita“, ein wuchernder Alptraum.

Erneut hat Schöllhammer Papier mit dem Messer geschnitten, mit Acrylfarbe bestrichen und angeflämmt, sie hat gezeichnet, getuscht und collagiert, bis sich Kaskaden fragiler Cut-Outs von Wänden, Drähten und Fäden in den Ausstellungsraum ergießen. Und doch ist in ihrer ersten Präsentation bei Saheb vieles anders. Mit „Terra Incognita“ hat die 1971 geborene Berliner Künstlerin einen großen Schritt gemacht. Sie nimmt sich viel Raum und löst sich von der Wand, verwendet flammendes Rot und kühles Türkis. Das wirkt ernst und erwachsen. Vor allem aber hat Schöllhammer alles Mädchenhafte in den Hintergrund gerückt: das Rosa, die pausbäckigen Kinder und tänzelnden Figuren früherer Papierfluten, die stereotype Erwartungen an Kunst von Frauen konterkarieren sollten, oft jedoch drohten, die Arbeiten zu verniedlichen. Vorbei.

Nicht zuletzt positioniert sie sich für den Markt. Zu ihrer mit äußerster Vorsicht zu behandelnden Arbeit (Preis auf Anfrage) hat sie kleine Zeichnungen und erstmals gerahmte Collagen gehängt (400-3000 Euro). Wie domestiziert wirken die Papierschnitte und Ausbrennungen hinter Glas, aber das ist wohl der kleinere Kompromiss, wenn Nadja Schöllhammer dafür an ihren großen Installationen kompromisslos weiterarbeiten kann. Claudia Wahjudi

Galerie Alexandra Saheb, Auguststr. 91; bis 24.7., Di-Sa 12 bis 18 Uhr.

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