Kultur : Gesellschaft: Ein Herz für Kinder

Es ist wirklich erst ein paar Jahre her - damals hießen die Modewörter "Yuppie", "Selbstverwirklichung" und "Erlebnisgesellschaft". Das waren die Achtziger, das Ego-Jahrzehnt, in dem auch die Grünen groß wurden. Später kam die Leitfigur des jungen, selbstverständlich ungebundenen und kinderlosen Internet-Unternehmers dazu, der sein Leben ganz der Firma opfert. Mit vierzig ist er Millionär oder tot. Inzwischen hat der Wind sich gedreht. Die Gesellschaft hat nicht nur die Kinder als Thema wiederentdeckt (man braucht sie schließlich, aus demographischen Gründen). Es tauchen wieder Begriffe wie "Familie", "Verantwortung" oder "Gemeinschaft" auf, bei Personen, von denen man es nicht erwartet hätte. Egoismus ist nicht mehr modern. Bis tief in die politische Linke hinein hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die stärkste Gegenkraft zu einem alles verschlingenden Globalkapitalismus aus einer offenbar unausrottbaren Sehnsucht besteht, der Sehnsucht nach dem, was die Warenwelt nicht zu bieten hat und was sich nicht kaufen lässt. Wie soll man diese Sehnsucht nennen?

In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hat die grüne Politikerin Renate Künast ein überraschend leidenschaftliches Bekenntnis zu Kindern und Familie formuliert. Sozialpolitik, bessere Schulen, Spielplätze, Wohnungsbau. Was sie sagt, ist offenbar der neue Mainstream ihrer Partei und zugleich der Mainstream in weiten Teilen der Gesellschaft. Darin liegt natürlich eine Chance der Grünen - endlich wieder der Trend sein! Das, was Grüne wie Künast heute vertreten, ähnelt allerdings auffällig den Gedanken der wertkonservativen Gründereltern ihrer Partei, Leute, die in der postmarxistisch geprägten Zwischenphase der Parteigeschichte meist in die Wüste gejagt wurden.

"Es mag putzig klingen", sagt Künast, "aber glückliche Eltern produzieren auch glückliche Kinder." Ist das reaktionär? Es gibt einen Schlüsselsatz, an dem sich eine neue Familienpolitik von der alten, reaktionären unterscheiden lässt, von der Familienpolitik der fünfziger Jahre. Dieser Satz lautet: "Familie ist, wo Kinder sind." Das bedeutet: Der Staat unterstützt alle, die Kinder großziehen, egal, wie sie ihr Leben organisieren, ohne einen Bonus zum Beispiel für die traditionelle Ehe. Der Staat hilft den Alleinerziehenden, und er tut alles in seiner Macht Stehende, damit Frauen sich nicht zwischen Beruf und Kindern entscheiden müssen. Nur so kann eine Politik aussehen, der es wirklich um die Kinder und ihre Eltern geht, und nicht darum, ein bestimmtes Konzept von vermeintlich richtigem Leben als Norm durchzusetzen, zum Beispiel das christliche Konzept.

Die Diskussion über Kinder und Familie ist eng verwandt mit der Diskussion über Gentechnik und Biopolitik. In beiden Fällen sucht eine Gesellschaft, die eine Zeitlang glaubte, ohne dergleichen auskommen zu können, tastend nach ethischen Normen und nach einer neuen Moral. Ethik darf ihren Grund aber nicht in den Moralvorstellungen der jeweiligen Epoche suchen. Zu vieles ändert sich zu oft, und die Idee von der Familie hat sich besonders oft geändert. Die römische Matronenehe, die Mätressenwirtschaft des Absolutismus, das sittlich strenge 19. Jahrhundert, die Phase der WGs, die Patchwork-Familie - wer weiß, was als nächstes kommt. Familie ist eben nur ein Wort. Real dagegen sind Kinder und Eltern.

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