Kultur : Gesetz der Serie

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Kai Müller wundert sich über

die Vernunft einer mörderischen Intelligenz

„Good sniping fun“, lautet das Urteil zahlreicher InternetUser, die einen zu Recht vergessenen Film mit Charlton Heston aus dem Jahre 1973 gesehen haben. „Two Minute Warning“ schildert die dramatische Jagd auf einen Heckenschützen, der zu Beginn einen Fahrradfahrer tötet, sich anschließend in einem voll besetzten Stadion verschanzt und scheinbar wahllos die Zuschauer eines Football-Spiels mit gezielten Schüssen niederstreckt. Als der Heckenschütze schließlich von einem Sonderkommando der Polizei gestellt und Blut überströmt aus seinem Versteck geschleift wird, beugt sich Detectiv Heston über den Sterbenden, um die Wahrheit aus dem leblosen Körper förmlich herauszuschütteln. Doch bleibt der Killer die letzten zehn Sekunden seines Lebens stumm.

Es ist eine grausame Antwort. Der wahre Terror, heißt das, erklärt sich nicht. Er wütet eine Zeit lang – und schweigt. Aber würden wir eine andere Antwort überhaupt verstehen? Es liegt nahe, angesichts der mit gespenstischer Kaltblütigkeit verübten Mordserie von Washington an die zahllosen Hollywood- Produktionen und PC-Games zu denken, die dieser Tat das visuell-imaginäre Material liefern: „Dirty Harry“, „Seven“, „In The Line Of Fire“. Aber glauben wir wirklich, dass Serial Killer wie der Unbekannte von Washington nur kopieren, was ihnen das Kino vorgemacht hat? Können wir tatsächlich annehmen, dass der Schütze ein vielleicht ausgemusterter CIA-Mann ist, der einen Privatkrieg gegen das System führt, weil es ihn zu dem gemacht hat, was er ist? Oder meinen wir einen Sportschützen am Werk zu sehen, der als Familienvater ein friedliches Dasein fristet und seiner Frau morgens einen Abschiedskuss gibt, bevor er Leute erschießen geht? Wer schützt uns vor unseren Verschwörungstheorien.

Vermutlich nur ein armer Irrer als Täter. Einer, der ein sadistisches Vergnügen daran empfindet, Angst und Panik zu erzeugen, und sich an seiner unfehlbaren Perfektion ergötzt, mit der er die Leute hinrichtet. Ein kranker Psychopath entspricht am ehesten den Erwartungen. Aber wer schützt uns vor unserer Gutgläubigkeit.

Serienmörder zwingen nicht nur ihre Verfolger dazu, hinter dem Tatmuster des scheinbaren Zufalls eine diabolische Intelligenz zu suchen. So furchtbar ihre Verbrechen auch sein mögen, das Gesetz der Serie macht sie zu einem vernünftigen Wesen. Vollkommen durchgeknallt, aber vernünftig. So besteht auch in Washington kein Zweifel daran, dass die Attentatsserie eine Botschaft übermittelt: Neun Morde in 14 Tagen, in stoischer Gleichmäßigkeit und in mittelbarer Umgebung des Präsidenten verübt, ohne dass ein Indiz Aufschluss darüber geben würde, warum es geschieht – das ist nicht nur ein Angriff auf Amerikas Zivilordnung, sondern auf sein Selbstverständnis. Die Stärken des amerikanischen Lebensstils, den George W. Bush nach dem 11. September zu verteidigen versprach, fallen erneut auf seine Bürger zurück. Die funktionale Urbanität von Parkplätzen und Tankstellen, die Weitläufigeit des Straßennetzes ist wie geschaffen für einen Menschenjäger, der nichts weiter als ein Präzisionsgewehr braucht. Und mag es auch nicht außergewöhnlich sein, dass sich ein Verbrechen an die örtlichen Gegebenheiten anpasst, so erschreckt doch die Raffinesse, mit der sich der Täter zum Verschwinden bringt.

Man kommt nicht umhin, die von jedem Affekt gereinigte Präzision des Heckenschützen als Ausdruck einer herzlosen, pragmatischen, aber brillanten Vernunft insgeheim zu bewundern. Überlässt sie doch dem Zufall lediglich die Auswahl ihrer Opfer. Wenn das Gesetz dieser Serie aber auf eine abgründige Weise vernünftig ist, dann sitzen wir in der Klemme. Welche Begründung uns auch geliefert werden wird, das Unbegreifliche dieser Rationalität zu begreifen, wir möchten sie nicht wahrhaben. Es wäre absurd, an eine Vernunft zu glauben, die so viel leistet und doch so entsetzlich ist.

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