• "Gesichter der Weimarer Republik": Das Innere eines Menschen am Äußeren erkennen - ein Irrglauben mit politischen Folgen

Kultur : "Gesichter der Weimarer Republik": Das Innere eines Menschen am Äußeren erkennen - ein Irrglauben mit politischen Folgen

Eva Horn

Die Weimarer Republik war die Epoche des Gesichts. Fotografen wie Psychiater, Maler, Regisseure, Kulturphilosophen, Kriminalisten und Rassentheoretiker teilten die gemeinsame Obsession, die Signatur der Epoche in den Gesichtern ihrer Zeitgenossen zu lesen. Physiognomik, die Jahrhunderte alte Lehre von der Entzifferbarkeit des Charakters in den Gesichtszügen, erlebt nach dem Ersten Weltkrieg eine Hochkonjunktur.

In der kulturellen und politischen Orientierungslosigkeit der Zwischenkriegszeit verspricht die Vorstellung, das Innere des Menschen aus seinem Äußeren ablesen zu können, einen Durchblick im Dickicht der modernen Städte. Rassen- und Kriminalphysiognomik, die bereits im 19. Jahrhundert unheilvolle Blüten getrieben hatten, bieten die Aussicht, Juden an ihrer Nase und geborene Verbrecher an ihren angewachsenen Ohrläppchen zu erkennen. Hinzu kommt nun die Charakterologie im Gefolge von Ludwig Klages, die sich anheischig macht, den "ganzen Menschen" mit fragwürdiger Methodik am "Ausdruck" seines Gesichts oder seiner Schrift einzuschätzen: "Der Leib", so Klages, "ist die Erscheinung der Seele, die Seele der Sinn des Leibes".

Die visuelle Stigmatisierung, die die Physiognomik nicht zu Unrecht in Verruf gebracht hat, ist aber nur eine Spielart dieses Diskurses in den 20er Jahren, dessen Vielfalt und Raffinesse jetzt ein Band zur Ausstellung "Gesichter der Weimarer Republik" präsentiert. Die Essays, die die Kulturhistoriker Claudia Schmölders und Sander Gilman herausgegeben haben, widmen sich dem Phantasma des lesbaren Gesichts von den unterschiedlichsten Seiten her: in der Großaufnahme des Stummfilms, den Fotobänden von August Sander oder Erich Retzlaff, in der Kosmetikwerbung, der Malerei eines Otto Dix oder Max Beckmann, den medizinischen Wachsmodellen von Gesichtsverletzten und nicht zuletzt den Totenmasken, die man mit dünnem Gips vor allem prominenten Verstorbenen abnahm.

Was in diesen Medien zugleich sichtbar gemacht und gespeichert wird, ist ein Bestiarium von Gestalten, in deren Fleisch sich die Schrecken wie die Verlockungen der Moderne buchstäblich eingegraben haben: Kriegsveteranen zeigen ihre zerfetzten Gesichter, Triebtäter irritieren gerade durch ihr betont harmloses Aussehen, Juden lassen sich ihre angeblich "jüdischen Nasen" beim - ebenfalls jüdischen - Schönheitschirurgen richten und die Kosmetikwerbung rät Frauen mit Bubikopf: "Modernisieren Sie ihr Gesicht!" Das Gesicht spiegelt den tief greifenden Umbau des Menschen im zwanzigsten Jahrhundert - und genau darauf richtet sich die Aufmerksamkeit des physiognomischen Blicks.

Umgekehrt zeigt sich aber auch eine Sehnsucht nach dem ungeschminkten, erdverbundenen, gleichsam "authentischen Gesicht"; darum haben gerade auch Bilder Konjunktur, die scheinbar vom urbanen Kulturverfall unangekränkelte Urwüchsigkeit und Deutschtum vorführen. Hier gerät die Physiognomik endgültig in die Nähe zur Kulturtheorie des Nationalsozialismus.

Häufig schwankt der physiognomische Blick zwischen einer kulturpessimistischen Klage über die Maskenhaftigkeit moderner Individualität und der Euphorie technisch-kosmetischer Rekonstruierbarkeit des Menschen. Seltener sind da schon Regisseure wie Fritz Lang, der in einer einzigen Großaufnahme vom Gesicht Asta Nielsens oder Peter Lorres eine komplizierte Geschichte wüster Leidenschaften zu erzählen weiß.

Gerade in diesen kunstvollen Inszenierungen aber wird auch klar, wie sehr ein Gesichtsausdruck immer mit Projektionen arbeitet, die auch scheitern können. Denn was sich außen zeigt - oder zu zeigen scheint - muss "innen" nicht eingelöst werden. Bestes Beispiel für dieses Scheitern jeglicher physiognomischer Augenscheinlichkeit ist das Gesicht eines ihrer Protagonisten, Ludwig Klages. Er war mit scharf geschnittenen Zügen gesegnet, die nichts von der geschwätzigen Verblasenheit seines Werkes ahnen lassen. Der Schriftsteller Gottfried Benn bemerkte über ihn: "außen Mephisto, innen Frieda Schanz", ein Märchenbuch.

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