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Gesichter : Punkt Punkt Komma Strich

29.03.2010 02:00 UhrVon Claudia Schmölders
Phantomfahrer auf der Datenautobahn. Der Mensch im digitalen Zeitalter.Bild vergrößern
Phantomfahrer auf der Datenautobahn. Der Mensch im digitalen Zeitalter. - Foto: Vario Images

Unsere digiale Abbildungswut führt sich ad absurdum: Alle nicht mehr analog hergestellten Gesichter sind Masken. Über das menschliche Gesicht im Zeitalter von Facebook.

Das Gesicht von Erzbischof Zollitzsch, von Bischof Mixa – was denken wir uns dabei? Der rundliche Typus wirkt gemütlich, in einer Mönchskutte in der Klosterbibliothek oder mit einem Glas Wein am Holztisch wie im vollen Ornat. Sehen wir die zwei jetzt, im März 2010, mit anderen Augen als noch zu Jahresbeginn? Gut möglich. Je mehr aus einem Typus eine konkrete Person mit Namen, Funktion und Geschichte heraustritt, desto mehr sehen wir in ihr Gesicht hinein. Plötzlich, angesichts der Missbrauchsdebatte, wird auch Ungemütliches denkbar.

Wahrnehmungsprozeduren wie diese sind Teil unseres Alltags. Die Medien zeigen Gesichter und liefern Nachrichten über ihre Besitzer dazu.

Ungern lassen wir uns enttäuschen, ungern opfern wir unseren kostbaren „ersten Blick“ einer Korrektur. Aber lässt uns die mediale Gesichterflut überhaupt Zeit dazu? Wir leben längst ja nicht im Dorf mit den hundert Menschen, die man wirklich kennen und erinnern kann. Die meisten Gesichter deuten wir nie, die Menschenmassen life und on screen überfordern jeden. Weil die Medienindustrie das weiß, versorgt sie uns mit einigen wenigen prominenten Gesichtern, die fortwährend mit weltdörflichem Klatsch aufgeladen werden.

Beschränkung ist also angesagt. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel und das von ihr geleitete Zentrum für Literatur- und Kulturforschung haben vergangene Woche deshalb eine anregende Tagung in der Akademie der Künste zum schier unerschöpflichen Thema „Gesichter“ in medialer Hinsicht veranstaltet. Aber während sich die Kulturen schon immer damit vergnügen, Masken und Büsten, Bemalungen, Porträts und Münzbilder in unbegrenzter Zahl herzustellen, quält sich die Wissenschaft seit Jahrhunderten mit dem, was das Gesicht bedeutet. Hans Belting machte sich das Paradox von Rudolf Kassner, dem Starphysiognomiker der Weimarer Republik, zu eigen: Der Mensch sieht so aus, wie er ist, weil er nicht so ist, wie er aussieht. Gesichter unterscheiden sich also gar nicht kategorial von Masken. Und letztere datieren in der Kulturgeschichte sogar lange bevor der Darstellung des menschlichen Antlitzes. Das Maskenwesen nimmt zu, spätestens seit dem Ende der analogen Fotografie.

Unsere digitale Abbildungswut führt sich dabei ad absurdum: Alle nicht mehr analog hergestellten Gesichter sind Masken. Facebook heißt der Maskenball des digitalen Zeitalters, der Club der Dichter in eigener Sache. Wenn da nicht bald die Human-Analogie als solche schwindet, die Idee der Verwandtschaft von Menschen.

Analog bleibt nur noch der Tod: Totengesichter – auch das konnte man bei der Berliner Tagung wieder lernen – spielen eine zentrale Rolle im „fazialen Diskurs“, sie sind die Vorbilder und Erben der Fotografie. Rein logisch erlösen sie uns von der Maskenwelt: Tote können sich nicht mehr verstellen. Rein psychologisch, oder besser: rein neurologisch rücken sie das Menschengesicht aber zunehmend panisch in eine erkennungsdienstliche Superstruktur. Wie einer wirklich aussieht, wie man ihn wirklich identifizieren und haftbar machen kann, ist heute die Frage. Je mehr Maske, desto mehr Biometrie.

Überall werden Kameras installiert und raffinierte biometrische Erfindungen erprobt. „Google Bild“, diese Funktion der weltgrößten Suchmaschine, wirkt schon wegen der Bezeichnung wie ein gigantisches Phantombildarchiv, in dem jeder landen kann, auch wenn er noch so versteckt im Gebüsch der sozialen Netzwerke zwitschert.

Das Feld der Überwachungen wächst täglich. Schwacher Trost: Die Humansuchmaschinen sind fehlbar. Computer können Fingerabdrücke, nicht aber Gesichter 100-prozentig erkennen. Sie irren sich bei Pickeln ebenso wie bei schräger Kopfhaltung oder beim Lächeln. Auch die Beleuchtung kann falsche Schatten werfen. Wer also nicht als Maske erscheinen und Verdacht erregen will, sollte bei Personenkontrollen am besten mit ernstem Gesicht frontal in die Kamera schauen.

Der neue Londoner Heathrow Terminal 5 verwendet zwei Kameras, für kleine und größere Personen, um die korrekte Augenhöhe zu gewährleisten. Und die heutige Personenerkennung setzt wegen all der Unschärfen auf Datenverbund: ein Gesicht plus zwei Fingerabdrücke plus Iris. Das Gesicht als expressives Ensemble ist dabei erwiesenermaßen die schwächere Kategorie. Da hilft irgendwann nur noch der genetische Abdruck, die DNA.

Das Menschengesicht, dessen Ende nicht erst Foucault vorhergesagt hat, sondern schon der Kulturphilosoph Max Picard Ende der 20er Jahre, löst sich im Datenstrom auf. Ein Thema der Künste, aber auch ein Horror des Alltags. Denn sämtliche Daten, auf einem Chip elektronisch übermittelt, können auf diesem Weg natürlich auch ausgespäht werden. Das Gesicht, die Gestalt stehen längst ebenso zur Disposition wie die Bankverbindungen und Krankenakten. Und die neueste 3D-Software verwandelt die ganze Welt in eine Geisterbahn. Lebende Schauspieler werden in Ganzkörpermasken verwandelt, in „Cyberfaces“ oder unsterbliche Avatare – der Erfolg des gleichnamigen Films ist kein Zufall.

Masken dienen weniger der Täuschung als vielmehr der Ewigkeitsambition der Kunst. Täuschen und Überleben: Zwar beschrieb schon Charles Darwin die vitale Funktion von Ausdrucksgebärden, von Mienenspiel und Verstellung. Dennoch bleiben Menschengesichter aus Fleisch und Blut nun einmal die zentrale Arbeitshypothese unserer Sozialität. Masken mögen Urformen einer „Verhaltenslehre der Kälte“ sein, wie der Wiener Kulturwissenschaftler Helmuth Lethen es nennt. Aber die Hoffnung, dass es ein wahres Gesicht im falschen geben könnte, ist dennoch nicht totzukriegen.

Masken mögen sich mit der medialen Gestalt von Gesichtern weiter vermehren, aber – und das macht die Lage vertrackt – noch stärker vermehrt sich das Antlitz als Schema. Die massenhaften Großaufnahmen des Gesichts auf Bildschirmen, Plakatwänden und winzigen Handy-Displays sind kein Zufall. Denn das frühkindliche Schema, an das der Literaturwissenschaftler Peter von Matt in seiner Literaturgeschichte des Gesichts „Fertig ist das Angesicht“ (1983) erinnert, bildet einen Geniestreich der Evolution. Auge, Auge, Nase, Mund, Punkt Punkt Komma Strich. Kein anderes Körperteil kann so viel auf so kleinem Raum mitteilen wie das Gesicht, keines leistet so viel Sinnlichkeit auf einmal: Blicken, Schmecken, Reden, Hören, Riechen, zudem mimische Kundgaben sonder Zahl.

Eben weil das Gesichtsschema so überaus klar ist, lässt es sich von den Bildschirmen wunderbar spiegeln. Letztlich ist es wohl dieser screenige Schematismus, der dem Gesicht auch im Zeitalter von Interface seine Attraktivität verleiht, an der Schnittstelle zwischen der Hardware und der Software menschlicher Identität, zwischen Erkennungsdienst und dem Wechselspiel gegenseitiger Projektionen, wenn zwei sich gegenüberstehen. Schließlich leben auch im Computerzeitalter drei Viertel der Menschheit noch face to face.

Die Autorin lebt als Kulturwissenschaftlerin in Berlin. Sie schrieb mehrere Bücher zur menschlichen Physiognomie, darunter „Hitlers Gesicht“ (Beck, München 2000).

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