Kultur : Gesichterlandschaften

Die Galerie Kicken zeigt Fotografien von Helmar Lerski und Hugo Erfurth

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Von Ronald Berg

Kickens Gegenüberstellung von Helmar Lerski und Hugo Erfurth wiederholt eine historische Konstellation: Beide Fotografen trafen 1929 in der epochebildenden Werkbundausstellung „Film und Foto“ aufeinander, bei der sie für die extremsten Gegensätze innerhalb der Auffassung der Porträtfotografie einstanden. Ausgerechnet der Jüngere der beiden, Hugo Erfurth, 1874 geboren, blieb bis zu seinem Tode 1948 in seinem fotografischen Stil ein Kind des 19. Jahrhunderts. Der drei Jahre ältere Lerski war dagegen erst mit vierzig Jahren zur Fotografie gekommen und wurde dennoch einer der Pioniere des „neuen Sehens“, mit dem sich das Medium ganz neue Bildwelten erschloss.

Erfurth, vor dessen Linse sich vier Jahrzehnte lang die geistige und künstlerische Elite des deutschen Reiches drängte, blieb sein Leben lang der klassische Atelierfotograf – und perfektionierte zeitlebens sein Können. Mit grundsolider Ausbildung beim sächsischen Hoffotografen eröffnete er bereits 1896 in Dresden sein eignes Atelier. 1934 wechselte er nach Köln. Er starb drei Jahre nach dem Krieg am Bodensee.

Die Auswahl von Erfurths Arbeiten bei Kicken beginnt in den hinteren Räumen der Galerie noch vor dem ersten Weltkrieg und zeigt Porträts in der Art des Jugendstils, bei denen die aufgenommenen Familienangehörigen scheinbar mit der Landschaft verschmelzen. Im eigenen Zuhause posieren sie mit einer Schale oder einer glänzenden Riesenmuschel. Nach dem Krieg findet Erfurth dann seinen eigenen Stil, den er nicht mehr ändern sollte: Es sind jene Kopf- oder Halbfiguraufnahmen sitzender Menschen vor neutralem Hintergrund, bei denen die Aufmerksamkeit ganz auf Gesicht und Händen liegt.

Der schummrig-diffuse Ölpigmentdruck, den Erfurth anachronistischerweise bis in die dreißiger Jahre hinein beibehielt, lässt die Kleidung der Porträtierten hierbei oft zu einer einzigen opaken Fläche werden. Das Bild lebt ganz von der Konzentration auf Physiognomie und Geste, die Erfurth zum Medium des Ausdruck des individuellen Wesens und Charakters herauszuarbeiten sucht. Bei den vielfach prominenten Persönlichkeiten ist das eine besonders reizvolle Aufgabe: Der mit starker Präsenz gesegnete Schauspieler Heinrich George etwa nimmt mit fast drohend auf den Knien aufgestellten Armen eine Haltung ein, als wolle er gleich aus dem Bild herausspringen. Käthe Kollwitz bekommt mit aufgestütztem Kopf eher zurückhaltend-melancholische Züge. Konrad Adenauer gerät zum mönchähnlichen Asketen und Otto Dix – mit dem Erfurth befreundet war – entpuppt sich auf Erfurths Portät als gestrenger Weltenrichter mit dem Pinsel. Ein Eindruck, der durch das angeschnittene Gemälde einer nackten Frau, das verschwommen im Hintergrund zu sehen ist, eher noch verstärkt wird. Frauen und Kinderporträts bestechen bei Erfurth durch ihre anmutige Linienführung, ob im Profil wie beim Kinderbildnis von Annemarie Erfurth oder durch den Kontrast der taillierten Figur zum Grund wie beim Porträt von „Frau Foster" (Preise für Fotografien von Erfurth zwischen 2000 und 23 000 Euro).

Während Erfurth sich also ganz den Eigenarten seiner Modelle annimmt, geht Lerski den umgekehrten Weg. In seinem Hauptwerk „Verwandlungen durch Licht" fotografiert er ein und dasselbe Modell in den rund 140 bekannten Aufnahmen so, dass man meint, in jedem der Fotos eine andere Person vor sich zu haben. Erreicht wird diese Wirkung allein durch den veränderten Einsatze des Lichts und die wechselnde Perspektive. Der sehr nah aufgenommene Kopf seines Modells Leo Uschatz – ein wie Lerski selbst nach Palästina emigrierte Schweizer – wird in den Jahren 1936 / 37 auf einem Hausdach in Tel Aviv fotografiert. Um bei der extrem langen Belichtungszeit von fast fünfzehn Sekunden unbeweglich zu bleiben, fixierte Lerski den Hochbautechniker mit einer Kopfstütze am Stuhl. Und um die Reflektionen der Wintersonne einzufangen, stellte Lerski Notenständer mit aufmontierten Spiegeln vor ihm auf.

Der aufwändige Umgang mit Licht und Modell zeigt seine Wirkung: In ihrer emotionalen Dichte erinnern diese „Metamorphosen“ eines Gesichts an expressionistische Stummfilme. Tatsächlich hatte Lerski zuvor als Schauspieler und später als Kameramann beim Stummfilm gearbeitet. Kicken zeigt insgesamt elf Bilder aus der fotohistorisch bedeutsamen Serie, für deren Publikation Lerski bis zu seinem Tod 1956 keinen Verleger finden konnte. Diese Auswahl reicht, um zu erkennen, dass für Lerski die entindividualisierte Physiognomie zum Rohstoff einer Inszenierung des Gesichts als Landschaft dient. Im Gegensatz zu Erfurth zeigt Lerski ein historisch neues Gesicht, ein Antlitz, das einsteht für die Facetten der nlosen Masse Mensch, wie sie die Moderne hervorgebracht hat. Nicht mehr der Einzelne zählt hier, sondern nur noch der Typus. In der Serie „Jews & Arabs“, die Lerski 1932 ebenfalls in Palästina fotografierte, steht der Typus allerdings quer zu den im Titel benannten Ethnien. Einer der neun bei Kicken gezeigten Arbeiten der Serie zeigt den langen und schmalen Schädel eines jungen „Yemeniten": Lerski unterschreibt das Bild mit dem Zusatz „Frühgotik". Pointierter kann man die Absolutiertheit der ästhetischen Form gegenüber jeglichen realen Kontexten wohl kaum in Szene setzen. (Preise für Vitageprints von Lerski zwischen 15 000 und 30 000 Euro).

Kicken Berlin, Linienstraße 155, bis 28. November; Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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