Kultur : Gesiebtes Heu

Ein türkisches Märchen im Musiktheater Atze

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Kel ist das türkische Wort für kahl. Und oglan bedeutet Junge. Keloglan, der kahle Junge, ist eine türkische Till-Eulenspiegel-Figur, ein Naseweis und Krausdenker, der dem Spott mit Schläue trotzt. Hierzulande ist der Knabe bekannter geworden, als 1998 der Berliner Schriftsteller Kemal Kurt einige der Schelmengeschichten zusammentrug und ins Deutsche übersetzte, erschienen in dem Band „Als das Kamel Bademeister war“. Eine Episode daraus, „Keloglan und die Räuberbande“, hat sich nun das Musiktheater Atze vorgenommen und in die fürs Kinder- und Jugendgenre ungewöhnliche Form einer konzertanten Lesung gebracht. Darin wird die Fabel vom Knaben mit der Schellenmütze zügig und musikalisch hinreißend vorgetragen.

Die Schauspielerin Sascha Özlem Soydan führt als Erzählerin mit Textbuch in der Hand in eine entrückte Zeit, „als man das Heu noch siebte, die Ziegen zum Friseur gingen und die Läuse sich als Handelsreisende betätigten, als das Kamel Bademeister war und den Elefanten in der Badewanne wusch“. Keloglan wächst also in fantastischen Verhältnissen heran, und dass er vom Vater nichts als eine Kasperlekappe und ein rostiges Gewehr geerbt hat, ficht ihn nicht an. Arm ist er, aber happy. Seine Geschichte teilt sich Soydan mit der Sängerin Begüm Tüzemen, die mal die Handlung vorantreibt, mal dramatische Momente kommentiert, was ein glückliches Wechselspiel ergibt.

Im Rücken hat sie ein elfköpfiges Orchester, weitgehend mit Blechbläsern und Schlagzeugern des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin besetzt, das von Sinem Altan am Klavier geleitet wird. Die 25-Jährige ist auch Komponistin des Abends, in Berlin hat sie sich bereits einen Namen gemacht, zumal an der Neuköllner Oper, wo sie unter anderem die Erfolgsproduktion „Tango Türk“ komponierte. Für „Keloglan“ schrieb sie einen jazzig-verspielten, Bigband-breiten Score, der auch Folkloristisches zitiert. Auf traditionell türkische Weisen greift sie ebenso zurück wie auf das deutsche Volkslied „Kein Feuer, keine Kohle“. Eine harmonische Mischung.

Mit diesem Märchen von Keloglan und den vierzig Räubern, die ihm seine eigenhändig erlegten Fasane abgenommen haben, hat das Theater einen Schritt nach vorn getan. Zuletzt hatte man versucht, sich mit „Ayla, Alis Tochter“ – ebenfalls unter musikalischer Leitung von Altan – einer migrantischen Community zu öffnen. „Keloglan und die Räuberbande“ ist nun von wohltuender Unangestrengtheit. Die Geschichte wurzelt zwar im türkischen Kulturkreis, aber jedes Kind kann sie verstehen. Patrick Wildermann

Wieder heute, 9. und 10. 11., 10.30 Uhr.

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