Kultur : Gespensterklänge im SFB

Martin Wilkening

Für solche Musik erscheint der Konzertsaal im Haus des Rundfunks wie geschaffen: Er vermittelt noch die feinsten Klänge, die durch die Spuklandschaft von Robert Crumbs "Haunted Landscape" flattern. Zwei heruntergestimmte Kontrabässe geben an der Grenze zur Hörbarkeit den fernen Grundklang eines musikalischen Landschaftsbildes. Aus zirpenden oder grummelnden Geräuschen der Ferne schießen plötzlich Bläserattacken hervor, elektrisch verstärkte stumpfe Klänge des präparierten Klaviers ertönen überraschend nah, ein Elfenreigen mit Flöte und Harfe huscht vorbei. Und dann plötzlich: der magisch leuchtende Klang der Streicher. Ein musikalisches Gruselstück, meisterhaft und nicht ohne Ironie inszeniert - und das Deutsche Symphonie-Orchester spielte diese Nachtmusik unter der Leitung von Fabrice Bollon mit einer Sicherheit im Leisen und einem Gespür für die Farbwechsel, die restlos überzeugte.

Ähnlich klangsinnlich gedacht und realisiert waren auch die beiden anderen Stücke dieser "Musik der Gegenwart": "Camera lucida" der Newcomerin Misato Mochizuki, erstmals seit der Uraufführung 1999 in Donaueschingen gespielt, und das Cellokonzert von Henri Dutilleux, an dem der 1916 geborene, für seine skrupulöse Arbeitsweise bekannte Komponist von 1967-1970 schrieb. Bemerkenswert ist an Dutilleux vor allem, wie kontrolliert er die virtuosen Mittel der Solopartie dem überwiegend lyrischen musikalischen Geschehen unterordnet. Das Solocello ist Hauptakteur, und trotzdem hat man nie das Gefühl vordergründig virtuosen Konzertierens. Wolfgang Emanuel Schmidt war ein idealer Interpret, mit in den Höhen weit ausschwingendem Ton und technisch untadelig. Wie meistens in der "Musik der Gegenwart" herrschte im Saal nicht gerade großes Gedränge; wirklich bedauerlich bei der originellen, publikumsfreundlichen und auf hohes künstlerisches Niveau achtenden Programmauswahl.

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