Gespräch mit Hortensia Völckers : Jeder Bürger ein Auftraggeber

Die Kulturstiftung des Bundes ist 15 Jahre alt. Direktorin Hortensia Völckers spricht über Leuchttürme, Deutschland als Einwanderungsland – und Theaterleute, die den Nachbarn die Haare schneiden.

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Wie macht man das Bode-Museum für Kids attraktiv? Eine der Aufgaben der Kulturstiftung des Bundes, die bis 2020 5,6 Millionen ausgibt, um im "lab bode" Ideen für die Vermittlungsarbeit von Museen zu entwickeln.
Wie macht man das Bode-Museum für Kids attraktiv? Eine der Aufgaben der Kulturstiftung des Bundes, die bis 2020 5,6 Millionen...Foto: SMB/Valerie Schmidt

Frau Völckers, die Bundeskulturstiftung wurde 2002 gegründet, um vor allem internationale Projekte und zeitgenössische Kunst zu fördern. Ist das noch heute der rote Faden?

Bis es dazu kam, hatte es lange Streit darum gegeben, ob der Bund direkt Kultur fördern darf. Der erste Versuch unter Willy Brandt in den 70er Jahren war am Widerstand der Länder gescheitert. Unter Kanzler Schröder und Kulturstaatsminister Nida-Rümelin wurde ein neuer Anlauf unternommen. Diesmal hieß es, die Stiftung solle Internationales und Projekte mit bundesweitem Modellcharakter fördern und so Bundeskompetenz erhalten. So ist es geblieben.

Sie fahren zweigleisig, unterstützen Leuchttürme und die Vielfalt in der Fläche?

Wir hatten von Anfang an diese beiden Säulen. Mit einem guten Drittel unseres Geldes, etwa 15 Millionen Euro pro Jahr, fördern wir Exzellenzprojekte wie die jetzt startende Documenta, das Berliner Theatertreffen oder die Ruhr-Triennale, auch große Jubiläen, wie sie bei Beethoven und Fontane anstehen. Zehn Millionen Euro davon gehen in Projekte, für die Anträge aus dem ganzen Land gestellt werden, aus Regensburg, Siegen oder Jena. Dafür gibt es eine spartenübergreifende Jury, die alle drei Jahre wechselt. Zum anderen kümmern wir uns um Themen, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind.

Und die wären?

Der demografische Wandel, die schrumpfenden Städte. Die heikle Zukunft der Arbeit. Die Digitalisierung. Oder die Migration, Deutschland als Einwanderungsland. Das geplante Migrationsmuseum in Köln geht auf eine Ausstellung zu Migration in Köln 2005 zurück, an der der Verein DomiD, in dem Migranten aus der Türkei seit den 50er Jahren sehr viel gesammelt haben und der jetzt Träger des Museums wird, schon beteiligt war. Anfangs mussten auch wir lernen, wie man solche in der Kulturlandschaft ungewöhnlichen Großprojekte plant und organisiert. Inzwischen haben wir Übung mit aufwendigen, längerfristigen Projekten. Wir bewilligen nicht nur Geld, sondern kalkulieren auch großzügig Zeit, damit in Ruhe etwas entwickelt werden kann.

Die Chefin. Hortensia Völckers, 1957 in Argentinien geboren, leitet die Bundeskulturstiftung seit Beginn. Zuvor arbeitete die Kulturmanagerin unter anderem im Direktorium der Wiener Festwochen und für die Documenta.
Die Chefin. Hortensia Völckers, 1957 in Argentinien geboren, leitet die Bundeskulturstiftung seit Beginn. Zuvor arbeitete die...Foto: dpa / picture-alliance

Sie sagen gleichzeitig, Kunst kann nicht ersetzen, was die Politik regeln muss. Hilft der Bund den klammen Kommunen über die Stiftung jetzt bei der Kultur aus?

Wir können nur Impulse geben. Zum Beispiel haben wir in den 15 Jahren rund 30 Millionen Euro für kulturelle Bildung ausgegeben, für „Jedem Kind ein Instrument“ oder die „Kulturagenten“, die tausende Kinder erreicht haben. Die eigentliche Idee ist, dass es dann aus eigener Kraft und mit anderen Partnern weitergeht. Da muss noch viel passieren. Alle reden über kulturelle Bildung, aber immer noch werden bei den Verantwortlichen andere Prioritäten gesetzt.

Warum soll man nicht nur Kultur fördern, sondern auch das Interesse an Kultur?

Deutschland hat eine fantastische kulturelle Ausstattung. Ich bin ja in Argentinien geboren und nicht wegen des Wetters hierhergekommen, sondern wegen der vielfältigen Kultur, die sich in einem unvergleichlichen Reichtum an Kultureinrichtungen spiegelt. Es lohnt sich, sie zukunftsfähig zu machen. Kultur ist allerdings keine Wunderwaffe, Frieden schaffen, Identität garantieren, das ist dann vielleicht doch eine Überforderung. Ich sehe das bescheidener. Meine Mutter wurde 99 Jahre alt, bis zum Schluss erlebte sie das Glück, in Musik zu versinken. Oder einen Roman lesen, das kann bedeuten, dass man sich selbst besser versteht. Dazu sollte jeder hier in Deutschland zumindest die Chance haben.

Eins der längerfristigen Programme für die Förderung von Diversität in der Kultur heißt „360°“. Im Herbst 2015 äußerten Sie die Hoffnung, dass Deutschland im Zuge der Flüchtlingskrise seine Rolle in der Welt neu finden kann. War das naiv?

Ich bin immer noch der Meinung, dass wir das schaffen. Aber es dauert. In Frankfurt am Main zum Beispiel haben jetzt 60 bis 70 Prozent der Sechsjährigen Migrationshintergrund. In der Kultur ist das noch nicht angekommen. Suchen Sie mal eine Museumsdirektorin oder einen Stadtbibliotheksleiter mit migrantischem Background: Fehlanzeige. Wir haben gerade mal Shermin Langhoff als Intendantin des Maxim Gorki Theaters. Das ist doch nicht normal, die Künstler selbst sind längst international! Wir wollen einen strukturellen Missstand angehen. Für „360°“ können sich Institutionen bewerben, die sich diversifizieren wollen bei Personal, Publikum und Programm. Wir bezahlen dann über mehrere Jahre einen Agenten, eine Art Manager, der bei der Umsetzung hilft.

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