• Gespräch mit Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn: "Der Berliner sitzt da und sagt: Mach mal"

Gespräch mit Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn : "Der Berliner sitzt da und sagt: Mach mal"

Vor der Premiere ihres „Berlin-Spezials“ in der Bar jeder Vernunft: ein Gespräch mit den Musikkabarettisten Pigor & Eichhorn

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Scherzkekse. Benedikt Eichhorn (v. l.) und Thomas Pigor, in dessen Studio in Schöneberg fotografiert.
Scherzkekse. Benedikt Eichhorn (v. l.) und Thomas Pigor, in dessen Studio in Schöneberg fotografiert.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Pigor, Sie widmen Berlin ein Spezial „damit endlich Ruhe ist“, wie Sie sagen: wer will das denn überhaupt?
PIGOR: Wir haben immer diese Beschwerden. Wenn wir ein neues Programm machen, wie zuletzt „Volumen 8“, bringen wir immer möglichst viele neue Songs. Hinterher kommen dann die Leute und fragen nach den alten Hits wie „Maulende Rentner“ oder „Heidegger“. Und weil „Volumen 9“ erst nächstes Jahr kommt – denn im Herbst spielen wir bei „Frau Luna“ im Tipi am Kanzleramt mit – dachten wir, wir machen jetzt ein Interimsprogramm, in dem wir Altes und Neues zusammenbringen, inklusive einer Auswahl unserer Berlin-Songs.
EICHHORN: Wo können wir denn sonst die alten Berlin-Songs so schön spielen, wie in Berlin selber. Sogar ein Lied wie „Was willste denn in Wien“, das handelt ja auch von Berlin.
PIGOR: Und den Song, mit dem wir Ärger mit Schloss-Befürwortern gekriegt haben: „Baut den Palast der Republik wieder auf!“.
EICHHORN: Die haben sich hinterher beschwert, Satire und Kabarett sei ja schön und gut, aber das Lied habe ihnen den Abend versaut.
PIGOR: Das ist ein Berlin-Techno-Chanson, dass ich 2013 ursprünglich als „Chanson des Monats“ anlässlich der Grundsteinlegung des Schlossneubaus geschrieben habe. Der Refrain lautet: „Baut den Palast der Republik wieder auf / Berlin ist die Stadt der Moderne / Baut den Palast der Republik wieder auf / Und hängt den Schinkel an die Laterne!“

Ihr Chanson des Monats, das von SWR2, WDR, ORF und Deutschlandfunk ausgestrahlt wird, komponieren Sie jetzt schon eine erstaunliche Weile.
PIGOR: Seit November 2010, jeden Monat ein Chanson, 66 Lieder sind da unterdessen zusammengekommen. Ich staune selber, dass mir immer noch welche einfallen. Es ist ein wunderbares Medium, um aktuelle Themen zu vertonen. Funktioniert aber nur, weil ich das zu Hause produziere, auch das Video. Es ist ein sagenhafter Zeitdruck. So ein Abenteuer hat im Chansonbereich noch keiner gewagt. Manchmal denke ich, hilfe, wie komme ich da bloß wieder raus. In der Rückschau ist dann lustig, wie schnell manche Themen wieder weg sind, so wie der Sojasprossen-Skandal. Den Song kapiert jetzt im Gegensatz zur BER-Nummer „Airport Berlin“ schon keiner mehr.

Sie betonen ja immer, wie fordernd Ihr Publikum ist. In Berlin sicher ganz besonders.
EICHORN: Ja, das Berliner Publikum ist anspruchsvoll, aber Gott sei Dank großstädtisch. Wir sind ja Gegner der Regionaldebatte, wir unterscheiden nicht zwischen Gegenden, sondern zwischen Großstadt und Land.
PIGOR: Und zwischen der sozialen Zusammensetzung eines Theaterpublikums. Alt oder jung, Stadt oder Provinz, Katholik oder Protestant, Vielseher oder Erstseher, Theater- und Kabarett-erfahren oder nicht.
EICHHORN: Sind sie zur Selbstironie fähig und willens? Das ist entscheidend. Beim Berliner sage ich, er ist absolut Spaß- und Ironie-bereit, nur hat er eine fordernde Haltung. Sitzt da und sagt ,Mach mal'. Aber wenn du dann was machst, was ihm gefällt, dann rastet er aus vor Freude. Genau wie der Wiener.
PIGOR: Berlin und Wien sind Theaterstädte und im Kabarettpublikum sitzen immer auch Theatergänger. Das hat nichts mit Mentalitäten zu tun, es gibt da einfach eine Kultur des Zusehens, auf die man sich verlassen kann.

Bei der ergrauten Fangemeinde, ja, aber kommen zu Ihnen denn überhaupt Erstseher, also junge Leute?
PIGOR: Und ob. Wir haben gerade die interessante Entwicklung, dass Musicalstudenten unser Repertoire entdecken und beispielsweise beim Bundeswettbewerb Gesang aufführen. Das freut uns. Nur einen Lebenswerk-Preis haben wir noch nicht, ist aber vielleicht auch besser so.
EICHHORN: Hättest Du vor dem Angst?
PIGOR: Nicht wenn er gut dotiert ist.

Pigor & Eichhorn posen. An diesem Tisch entsteht das "Chanson des Monats".
Pigor & Eichhorn posen. An diesem Tisch entsteht das "Chanson des Monats".Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Welcher deutschen Metropole haben Sie denn bisher überhaupt Spezial-Programme gewidmet?
PIGOR: Österreich und Sachsen.

Mal abgesehen von den ollen Kamellen, was für neue Songs über Berlin sind Ihnen denn eingefallen?
PIGOR: Keine.

Dann ist das ja totaler Etikettenschwindel mit dem Berlin-Spezial.
EICHHORN: Halt! Wir haben unsere Berlin-Songs durchgesehen, die aktuellen eingebaut und eine Reihe von ganz neuen Songs, beispielsweise „Muttertagsvergesser“ hinzugefügt.

Der kann ja überall spielen.
EICHHORN: Stimmt. Aber es ist eine Uraufführung drin.

Nämlich genau ein Lied.
EICHHORN: Mehrere! Auch das brandneue Chanson des Monats April „Der Frühling kommt“, ein Kunstlied, im Stil des frühen 19. Jahrhunderts.
PIGOR: Außerdem geben wir ja schon vor der Premiere zu, dass wir an dem Berlin-Anspruch scheitern.
EICHHORN: Nicht daran, sondern an der übergroßen Lust der Zuschauer, immer noch diesen und jeden Song wieder hören zu wollen. Und das ist typisch Berlin: Die Leute hier kennen so viel von uns und rufen ständig „Kleine dicke Frauen“ oder „Hitler“. Übrigens ist es auf seltsame Weise erhebend, wenn ein ganzer Saal „Hitler“ ruft.

Genau genommen müssen Sie der Stadt auch gar kein Programm widmen: Schließlich sind alle Ihre Lieder dem hiesigen Mittelstandsprekariat entlehnt und damit Berlin-Lieder.
PIGOR: Sehr richtig formuliert.
EICHHORN: Und wir sagen nicht, die Stadt erzwingt diesen oder jenen musikalischen Stil. Da geht alles – vom Dreivierteltaktrap über die Sechsachtelballade bis zum Techno-Chanson.

Wie ist denn Ihr persönliches Berliner Lebensgefühl? Warum leben Sie hier und nicht mehr in Ihren Geburtsorten Coesfeld und Alzey?
EICHHORN: Für mein Leben war der Umzug 92 eine absolut richtige Entscheidung. Davor hatte ich nur Coesfeld, Münster und Essen.
PIGOR: Wir sind so verflixt viel auf Tour, dass ich sagen muss, ich wäre gern öfter in Berlin. Wenn wir drei Monate „Frau Luna“ spielen, kriege ich hoffentlich endlich mal mehr von der Stadt mit.

Welche Parts übernehmen Sie in der Produktion?
PIGOR: Ich spiele den Lämmermeier, das ist eine Figur, die nur in Reimen redet. Im Original auf Sächsisch, ich lege sie vielleicht auf Fränkisch an. Und Benedikt spielt Franz Steppke…
EICHHORN: … der verliebt sich in Frau Luna und hat die Idee, eine Rakete zu bauen und zum Mond zu fliegen und das schon 1910, als Paul Lincke und sein Librettist das geschrieben haben!

Das war ja seinerzeit so hip wie Berlin heute überall in der Welt ist. Haben Sie dafür Verständnis?
EICHHORN: Total. Mir gefällt, dass so viele Touristen kommen.
PIGOR: Mich freut es, wenn ich in anderen Sprachen nach dem Weg gefragt werde. Und auf Tour fördert es das Renommee, aus Berlin zu kommen.
EICHHORN: Ich fördere das hippe Berlin, in dem ich Touristen anspreche, wenn sie vor den Fahrkartenautomaten stehen oder sich mit dem Stadtplan nicht zurechtfinden. Die spreche ich an und frage ,Can I help you?‘

Das heißt, Sie sind ein Sympathiebotschafter?
EICHHORN: Absolutely!

Vorzugsweise in welchem Bezirk?
EICHHORN: Am Hauptbahnhof treffe ich oft welche, die da hilflos rumeiern. Oder bei mir im Prenzlauer Berg, wo sie immer den Kollwitzplatz suchen.

Das Lächeln der Komödianten. Pigor & Eichhorn wieder ohne Kopfhörer.
Das Lächeln der Komödianten. Pigor & Eichhorn wieder ohne Kopfhörer.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wenn Sie an die Zukunft denken – gibt es für Sie Alternativen zum Leben in dieser Stadt?
EICHHORN: Früher habe ich immer gedacht 20 Jahre Coesfeld, 10 Jahre Essen, 10 Jahre Berlin und dann, na klar, New York. Inzwischen ahne ich: die Infrastruktur für Kleinkunst ist hier besser. Dafür freue mich auf die Zeit, wo meine Kinder in Frankreich, England oder den USA studieren, dann fahre ich die besuchen.
PIGOR: Mach’s nicht. Austauschkinder kommen dann richtig in Bredouille. Weil die mit ihren Gasteltern ein anderes Verhältnis haben und dann geht das schief.
EICHHORN: Klar, das sind Gefahren. Als mein Neffe neulich für ein Jahr in den USA war, ist mein Bruder hingefahren und mein Neffe hat sich ausgebeten, dass er nicht so einen kleinen Mietwagen nimmt. Der lebte in einer Millionärsfamilie und genierte sich.

Bei aller Begeisterung für Ihre Wahlheimat: was hassen Sie an Berlin?
PIGOR: Dass so viel gebaut wird. Seit fünf Jahren habe ich nur Ärger, eine Baustelle nach der anderen. Ich weiß nicht, was hier in Schöneberg los ist. Das geht mir wirklich auf den Keks.

Deswegen haben Sie ja auch das Lied „Einer bohrt immer“ gemacht.
PIGOR: Und den Song „Lärmschutzgesetz“. Damit kann ich es aber nicht verhindern. Jetzt haben sie mir hier vorne Mülltonnen neben die Terrasse gesetzt. Das macht mich wahnsinnig.

Haben Sie schon Leute wegen Lärmbelästigung verklagt?
PIGOR: Nein.
EICHHORN: Aber Du hast Dich kundig gemacht.
PIGOR: Über die Mülltonnen. Aber da kannste nix machen. Ich habe das in den Songs schon ausgeführt, man hat ja keine Rechte. Ich finde, Stille ist eine Ressource, deren Verbrauch man über Zertifikate regeln sollte, wie bei CO2-Emissionen. Die Idee findet allerdings selbst bei Herrn Eichhorn wenig Resonanz. Der schmunzelt immer nur. Das ist wie in den sechziger Jahren, als sie die Chemieabfälle einfach in die Flüsse leiteten. Aber das Bewusstsein wird sich weiterentwickeln und irgendwann wird auch in Berlin die Abwesenheit von Bauarbeitern als Ressource anerkannt.

Was missfällt Ihnen an der Stadt, Herr Eichhorn?
EICHHORN: Berliner Umgangsformen, Berliner Wurschtigkeit, die sind unschön. Aber ich habe mich dran gewöhnt. Ich weiß, was ich zu erwarten habe. Im Karneval bin ich im Kostüm zu meinem Supermarkt an die Backtheke gegangen, als ich die Kinder zur Schule bringen wollte.
PIGOR: Du hattest ein Kostüm an?
EICHHORN: Ja, aus Scheiß.

Als was sind Sie gegangen?
EICHHORN: Als Bundeswehrsoldat. Da guckte mich meine Stammverkäuferin richtig missmutig an. Also sage ich zu ihr, quasi als Erklärung, „heute ist Karneval“. Sagt sie komplett desinteressiert „kann sein“. Das wäre im Rheinland viel netter gelaufen. Aber neulich an der Fischtheke, da wollte ich von einem Lachs die Hälfte. Da legt die Fachverkäuferin, die ich seit zehn Jahren kenne, das Messer in der Mitte des Lachses an und sagt „Zu mir oder zu Ihnen?“ Sowas passiert in Coesfeld nicht, das ist richtig gut!

Pianist Benedikt Eichhorn und Sänger Thomas Pigor treten seit 1993 als vielfach preisgekröntes Kleinkunst-Duo auf. Sie leben in Berlin. Ihr „Berlin-Spezial – Pigor & Eichhorn scheitern“ hat am Dienstag Premiere in der Bar jeder Vernunft und läuft bis zum 24. April.

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