Kultur : Gestapo im Glashaus

Ende eines Bauskandals: Berliner Architekturbüro gewinnt Wettbewerb zum Neubau der Topographie des Terrors

Christina Tilmann

Ein Pavillon ist es geworden, flach, gläsern, schwebend. Die Form der Kubatur soll an den benachbarten Gropius-Bau anschließen, und auf den ersten Blick scheint die Glas- und Stahllamellen-Fassade fast noch einmal an Peter Zumthors Stabwerk zu erinnern. Doch nach den hochfahrenden Architektenträumen ist nun Bescheidenheit angesagt: Man wolle sich „in der Eigenwirkung weitestgehend zurücknehmen“, war aus dem Konzept der Architekten zu vernehmen, auf „Eigendarstellung“ verzichten, „ohne jegliche Interpretationsversuche der geschichtlichen Orte“.

Es ist das Ende einer langen Leidensgeschichte. Der erneute Architekturwettbewerb für den Neubau des NS-Dokumentationszentrums Topographie des Terrors ist entschieden. Der erste Preis geht an das Berliner Architekturbüro Heinle, Wischer und Partner, die gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten Heinz Hallmann aus Aachen ein Konzept für das ganze Gelände entwickelten. Die Jury, der neben sieben Architekten auch die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, Kultursenator Thomas Flierl und der geschäftsführende Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, angehören, hat sich nach Prüfung von 23 Entwürfen am Dienstagabend für den Glaspavillon entschieden. Der zweite Preis ging an den Architekten Ramsi Kusus und den Landschaftsarchitekten Frank Kiessling.

Die Erleichterung ist allen anzumerken. Man habe sich diesmal für einen Entwurf entschieden, der auch wirklich gebaut werden könne, ist aus dem federführenden Bundesamt für Bauordnung und Wohnungswesen zu hören. Auch Berlins Kultursenator Thomas Flierl, gleichzeitig Vorsitzender des Stiftungsrats der Topographie des Terrors, betont: Die Stiftung könne davon ausgehen, „dass ein Gebäude, das ihre Bedürfnisse abdeckt und auch so baubar ist, in naher Zukunft bezugsfertig sein wird“: Anders als beim letzten Wettbewerb habe die Jury bei der Auswahl größten Wert darauf gelegt, dass die Nutzeranforderungen erfüllt werden. Bundeskulturminister Bernd Neumann hofft, dass die Topographie „mit diesem Neustart endlich zu einem würdigen und angemessenen Gedenk- und Informationsort werden kann“. Nächste Schritte werden zügig folgen: Baubeginn soll 2007 sein, die Fertigstellung 2009 – zum 70. Jahrestag des Überfalls deutscher Truppen auf Polen.

Zwölf Jahre nach Planungsbeginn scheint es nun, als ob eine der längsten Leidensgeschichten der Berliner Kulturpolitik endlich ein Ende gefunden hat. Die Topographie des Terrors informiert auf dem 6,2 Hektar großen Gelände neben dem Martin-Gropius-Bau im Zentrum Berlins seit 1987 in provisorischen Open-Air-Ausstellungen über die NS- Verbrechen. Ursprünglich sollte der Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Hauptquartiers der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) nach einem spektakulären Stabwerk-Entwurf des Schweizer Architekten Peter Zumthor errichtet werden. Nach zehnjähriger Planung und Start der Bauarbeiten wurde die Fertigstellung 2004 auf Grund enorm gestiegener Kosten und der Pleite mehrerer Baufirmen gestoppt. Zudem übernahm der Bund vom Land Berlin die Bauträgerschaft und kündigte einen völligen Neustart an.

Das Ergebnis des jetzigen Wettbewerbs allerdings wirkt nach Zumthors Vision zunächst bescheiden: Der preisgekrönte Entwurf der verantwortlichen Architektin Ursula Wilms sieht einen eingeschossigen und verglasten Kubus mit einer hellen, fast weißen und beweglichen Metallgeflechtfassade und rund 3500 Quadratmetern Nutzfläche vor. Im Erdgeschoss sollen die Ausstellungs- und Seminarräume liegen, im Keller wird die Bibliothek untergebracht. Ein Entwurf ohne jede Theatralik, so Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung. Er strahle „Würde und Stärke“ aus, ohne sich über das Gelände zu erheben, aber „er duckt sich auch nicht weg“, sondern erfülle „auf unspektakuläre Weise“ alle Vorgaben, ohne das Außengelände aus den Augen zu verlieren. Der Lichthof im Inneren, wo die Arbeitsplätze der Mitarbeiter liegen, sei ein „Ort der Kontemplation“. Schreibtische wird man von außen am ehemaligen Ort der Schreibtischtäter nicht zu sehen bekommen.

Der Traum vom architektonischen Weltwunder, das die Touristen nach Berlin lockt und neben Libeskinds Jüdischem Museum und Eisenmans Holocaust-Mahnmal ähnlich spektakulär einen Kontrapunkt gegen das Vergessen setzt, ist damit ausgeträumt. Wichtiger jedoch, das beweist der tägliche Zustrom an der gegenwärtigen provisorischen Bauzaun-Ausstellung der Topographie, ist die Verbrechens-Geschichte, die hier erzählt wird. Der Entwurf lässt zumindest hoffen, diese demnächst in aller Klarheit erfahren zu können.

Das bescheidene Ergebnis ist allerdings auch der veränderten Finanzlage geschuldet: Für den Bau sowie für die Einrichtung des Gebäudes und die Gestaltung des 6,2 Hektar großen Geländes stehen Schätzungen zufolge noch 24 Millionen Euro zur Verfügung. Die reinen Baukosten für das neue Dokumentationszentrum werden derzeit mit rund 15 Millionen Euro veranschlagt – genauso viel, wie die Fehlplanungen bei Zumthor verschlungen haben. Für die EU-weite Ausschreibung hatten sich ursprünglich mehr als 600 Architekten interessiert. 309 reichten einen Entwurf ein. Sämtliche eingereichten Entwürfe sollen ab Anfang März für fünf Wochen im Martin-Gropius-Bau ausgestellt werden.

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