Kultur : Gestatten Jones, Tom Jones

Carsten Niemann

Nein, er wird nicht "You are my Sexbomb" singen, dieser Tom Jones, der in den kommenden Wochen auf der Bühne der Neuköllner Oper steht. Obwohl er durchaus Anlässe hätte, geht er doch mehr als einer Frau ans Mieder, bevor die nach ihm benannte Opéra comique von Francois-André Philidor zum glücklichen Ende findet. Die Zuschauer von 1765 kannten Tom Jones als Hauptfigur des gleichnamigen Romans von Henry Fielding: einem witzigen und gesellschaftskritischen Bestseller des 18. Jahrhunderts. Die Geschichte um den moralisch nicht ganz lupenreinen Findling, der sich in die Aristokratentocher Sophie verliebt, diente schon Hollywood zur Vorlage. Opernlibretti nach literarischen Vorlagen aber wirken, selbst wenn sie handwerklich gut gemacht sind, in der Regel entsetzlich weichgekocht.

Was Wolfgang Böhmer und Rogier Hardeman mit ihrer deutschen Neufassung wagten, war daher ein kleiner Geniestreich: Statt sich an den Nettigkeiten des Librettos abzuarbeiten, gaben sie ihrer Fielding-Begeisterung Raum und ersetzten den gesprochenen Dialog weitgehend durch Passagen aus dem Roman - ohne die mit historischen Instrumenten dargebotenen Musiknummern anzutasten. Dass dieses Konzept aufging, dass die Dialoge und ironischen Situationsbeschreibungen auch in indirekter Rede wirkungsvoll waren, und dass Philidors ganz eigene, mal eingängige, mal unaufdringlich berührende Melodien zu ihrem vollen Recht kamen, lag an der glücklichen Auswahl des intelligent deklamierenden Ensembles: Tobias Schäfer, mit weichem, charakteristisch timbriertem Tenor, gab den süß spätpubertierenden Titelhelden, Victor Schering, mit frappierend makellosen Einsätzen in der Höhe seinen gegelten Rivalen. Herrlich zickig und verzierungskundig Cassandra Hoffmann als Miss Sophie; wieder einmal bühnenpräsent der alte NKO-Hase Frank Bauszus als raubeiniger Vater. Engagiert und aristokratisch: Renate Dasch; mit warmem Sopran, dabei jeder Zoll eine Zofe, erfreute Melanie Wandel. Robert Nassmachers lebendiges Dirigat war leider auch für einige Wackler im Zusammenspiel verantwortlich. Very amused vom Humor der Inszenierung verließ man den Saal, dazu angeregt, mehr Philidor zu hören und mehr Fielding zu lesen.

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