Kultur : "Gestern": Keine neue Liebe ist wie kein neues Leben

Brigitte Böttcher

Sein Leben, das kann Sándor in wenigen Worten zusammen fassen: "Line ist gekommen und wieder gegangen." Als Sándor das sagt, ist er gerade mal Ende zwanzig. Doch seine Geschichte ist vorbei, denn mit seiner großen Liebe, die er zum zweiten Mal verloren hat, sind ihm auch seine Träume abhanden gekommen. Sein Leben, das war nun endgültig gestern. Wenn die Bühne des Theaters zum Westlichen Stadthirschen nach knapp zwei Stunden wieder dunkel wird, ist es, als hätte man gerade Agota Kristofs Buch zugeschlagen. Diesen wunderbaren, kleinen Roman, auf dem das Stück beruht. "Gestern" erzählt die bittere Geschichte des Flüchtlings Sándor - und lässt Zuschauer wie Leser am Ende zurück mit einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Insofern also eine geglückte Adaption, doch Regisseur Erick Aufderheyde ist weit mehr gelungen: ein Stück, das - auch losgelöst von seiner Vorlage - die beklemmende Spannung bis zum Ende hält, obwohl große Überraschungen ausbleiben. Wenn die Monotonie stellenweise zu langweilen beginnt, entfaltet die Inszenierung ihre eigentliche Stärke: weil sie auf so einfache Weise die Erlebnisdürre im Dasein Sándors wiederspiegelt - mit gerade mal fünf Schauspielern auf einer schmucklosen Bühne und nur dezent begleitet von Eric Gradmans E-Geige.

Dieser Sándor fristet das trostlose Leben eines Fabrikarbeiters, der im Exil nicht nur Heimat und Kindheit weit hinter sich lassen musste. Abends versucht er im Schreiben jenes Etwas wiederzufinden, "das weder Stimme noch Geruch ist, sondern nur ein vages Erinnern von jenseits der Grenzen, bis zu denen das Gedächtnis zurückreicht." Dort liegt seine Liebe zur Schulkameradin Line, die - was nur er weiß - seine Halbschwester ist. Seit er damals nach einem Mordversuch am gemeinsamen Vater geflohen ist, erwartet er, schicksalsgläubig, die (Wieder-)Begegnung mit der verwandten weiblichen Seele.

Nur Fragmente dieses Plots finden auf der Bühne tatsächlich statt. Meist sind es die kunstvoll eingeflochtenen narrativen Passagen, die - kommentierend, diskutierend - die Geschichte lebendig werden lassen, mal aus dem Munde der beiden Ich-Erzähler Dominik Bender und Patrick von Blume kommend, mal gesprochen von den drei Darstellerinnen, die nur zwischendurch in ihre eigentlichen Rollen schlüpfen: in die der jungen Line (Sterica Theresa Rein), der erwachsenen Line (Silvina Buchbauer) und der Verkäuferin Yolande (Alexandra Madincea), der Gelegenheitsgeliebten Sándors im Exil. Das dramaturgische Mittel des Wechsels zwischen gespielter und erzählter Handlung nutzte Aufderheyde bereits 1997, um den Kristof-Roman "Das große Heft" auf die Bühne zu bringen. Sinn macht das auch bei "Gestern": Den Figuren wird kein allzu konkretes Gesicht aufgedrückt, und die Kristofsche Prosa, die fast wortgenau erhalten bleibt, kann ihre Kraft voll entfalten.

Als Line - märchengleich - tatsächlich in der Jetzt-Zeit auftaucht, wird alles Anschauliche entsprechend konsequent vermieden. Echte Nähe gibt es sowenig wie eine wirkliche Chance. Die innigste Umarmung - sie findet nur in Worten Ausdruck. Besser hätte Aufderheyde dem Stoff, der von der Unmöglichkeit handelt, Liebe und Glück zu empfinden, kaum gerecht werden können.

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