Kultur : Gestreichelt

Die Galerie Frye und Sohn aus Münster bringt ein spektakuläres Gemälde von Eduard Gaertner mit

Jens Hinrichsen

Eduard Gaertners Ölgemälde „Kloster-Ruine Lehnin“ von 1843 ist ein Bild der Berührungen und Umarmungen: Frau und Kind, die Staffage-Figuren im Vordergrund, halten sich an den Händen. Die Frau sitzt auf einem von zwei gefällten Stämmen, die den Blick zur imposanten Ruine des Mittelgrunds führen. Dort ragt, halb verfallen, das gotische Westwerk der dreischiffigen Pfeilerbasilika aus rotgolden leuchtendem Backstein auf.

Von der Natur scheint das Gemäuer weniger in Besitz genommen denn sprichwörtlich in die Arme geschlossen zu sein. Wie alte Bekannte lehnen sich Bäume an, und die im 12. Jahrhundert errichtete Fassade wird von Blattwerk gestreichelt. Dazu bedeckt ein behaglicher Flausch aus weiß gesprenkelten Holunderbaumkronen Teile des Baus: ein friedliches Bild ohne Zuckerguss, ein Bild abseits der Biedermeierklischees.

„Es ist ein glücklicher Zufall, dass wir das Ölgemälde ausgerechnet in Berlin anbieten können“, findet Maximilian Sühs von der Münsteraner Galerie Frye und Sohn. Das sagt er nicht nur, weil das brandenburgische Lehnin praktisch vor den Toren der Stadt liegt. Vor allem zählt der Maler des Bildes zu den großen Söhnen Berlins: Eduard Gaertner kam 1801 an der Spree zur Welt und wurde durch seine präzisen und doch höchst lebendigen Wiedergaben städtischer Architektur berühmt, etwa dem „Panorama von Berlin vom Dach der Friedrichwerderschen Kirche“ (1936). Gaertner stand im Zenit seines Ruhms, als die „Kloster-Ruine“ 1844 auf der Kunstausstellung der Königlichen Akademie der Künste präsentiert wurde.

Das Kloster, das erst am Ende seines Lebens restauriert wurde, war ein bevorzugtes Sujet des Malers, der daran gerade den Charme des Verfallenen liebte. In den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ skizziert Theodor Fontane, wie der Bau zur Ruine wurde: „1791 waren Landleute aus der Schweiz nach Amt Lehnin berufen worden, um bessere Viehzucht daselbst einzuführen. Kloster Lehnin wurde nun ein Steinbruch für Büdner und Kossäten und Haue und Pickaxt schlugen Wände und Pfeiler nieder. Die Regierungen selbst, namentlich unter Friedrich Wilhelm I., nahmen an diesem Vandalismus teil, und weil die ganze Zeit eine die Vergangenheit schonende Pietät nicht kannte, so geziemt es sich auch nicht, dem einzelnen einen Vorwurf daraus zu machen, daß er die Anschauungsweise teilte, die damals die gültige war.“

Die Stiftung Stadtmuseum Berlin besitzt eine Lehnin-Ansicht von 1858, die anlässlich der großen Gaertner-Retrospektive 2001 im Ephraim-Palais präsentiert wurde. Dort ist der fragmentarische Westflügel aus einem anderen Blickwinkel dargestellt und erscheint nicht nur schlanker, sondern im Vergleich zu den menschlichen Bildfiguren auch höher. Trotz einer mächtigen Eiche in der Bildmitte wirkt die Vegetation hier zurückgenommen. Derart üppig wie auf der Version von 1843 grünt es selten auf Gaertners Bildern.

Maximilian Sühs spricht von „einer Handvoll seiner Arbeiten, die alle zehn Jahre auf den Markt kommen“. Meistens handele es sich um Aquarelle und Zeichnungen. Ein Ölgemälde wie das von 1843 sei eine Besonderheit. Es stammt zudem aus langjährigem Privatbesitz, ohne den verteuernden Weg durch Auktionshäuser gegangen zu sein – auch das eine gute Nachricht für Interessenten. Ideal wäre natürlich der Ankauf durch eine öffentliche Berliner Sammlung: Davon würden viele profitieren.

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