Kultur : Gestundete Wunschlosigkeit

Neue Gedichte von Mario Wirz

Richard Pietrass

Von den unterm Unstern ihrer Krankheit Schreibenden ist Mario Wirz einer der Tapfersten und zu Recht Bewunderten. Schon sein erster Gedichtband „Ich rufe die Wölfe“ (1993) gibt Kunde von diesem Ringen, vergleichbar dem der lungenkranken Edith Södergran und der Krebsbrüder Iwan Goll und Robert Gernhardt. Nahm die junge Finnschwedin ihr Siechtum kindlich hin und schoss der verzweifelte Goll Versraketen aus den „Hochöfen des Schmerzes“, rettete sich der Angstspötter Gernhardt in Wortwitz und schwarzen Humor. Mario Wirz, 1956 in Marburg geboren, tritt Freund Hein von Anfang an sanft, aber als ein inständig Abhandelnder entgegen. Und dies mit Erfolg. Aus den zusätzlichen Aidsangst- und Hoffnungstagen wurden Flickenjahre und mittlerweile zwei Jahrzehnte Überleben. Welch ein Leben in was für Gedichten!

Anders als in seinem Erstling und dem Folgeband „Das Herz dieser Stunde“ (1997), sind die Gedichte nun ruhiger und gefasster, ohne resignativ zu werden. Keine Hoffnung ist ihm zu klein, gehofft zu werden, keine Freude zu gering, sie zu erfüllen. Und es sollte nicht wundern, käme der Autor bald im Haiku an. In dessen Vorhof befindet er sich schon, mit seiner lebensphilosophisch tiefen, staunbereiten und warmherzigen Schlichtheit.

Der dem Tod mehr als einmal vom Spaten Gesprungene schreibt wehleid- und schlackefrei, konzentriert sich auf den roten Faden, der sein seidener ist. Fähig, sich in einem Schmetterling, einem Stein, einem Staubkorn zu sehen, hat er viele Geschwister, in deren Gestaltwandel er sich mit seinem Nomadenherzen wiedererkennt: „Sandkorn/ bin ich/ am Anfang/ am Ende/ weht mich der Wind/ über jede Grenze/ komme ich/ wieder/ Sandkorn“.

Die große, stoische Natur wird ihm zur Lehrerin, macht ihn zum buddhistisch Beglückten: „Wunschlosigkeit/ lehrt mich/ der Stein/ an diesem Nachmittag/ unter der Sonne/ fehlt nichts/ dem Glück“. Die Wünsche werden weniger aber wesentlicher, wenn er sein Boot in der Zukunft vertäut. Mit sich und den Seinen, den Freunden und dem Herzensfreund im Reinen, vermag der Langzeitgeschwächte Kraft zu geben: dank der in Leidensverliesen gewonnenen Klarheit: „Jetzt/ halte ich Ausschau/ Kindheit/ Jede Sternschnuppe/ kennt meinen Wunsch.“ Richard Pietrass

Mario Wirz:

Vorübergehend

unsterblich.

Gedichte.

Aufbau Verlag,

Berlin 2010.

160 Seiten, 17,95 €.

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