Kultur : Gesundheitspolitik: Aus der Reserve: Wo Experten noch Spielraum für Reformen sehen

Rainer Woratschka

Unter den chronischen Leiden sind sie am weitesten verbreitet, und sie reißen die tiefsten Löcher ins Gesundheitssystem: Asthma, Diabetes, Bluthochdruck, Herzmuskelschwäche, Koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Brustkrebs. Gelänge es den Ausbruch solcher Volkskrankheiten nur um je zwei Jahre zu verzögern, so behauptet Professor Karl W. Lauterbach vom Kölner Institut für Gesundheitsökonomie, ließen sich Kosten von "mindestens 26 Milliarden Mark" einsparen.

26 Milliarden, also zehn Prozent aller Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung: Für den SPD-Gesundheitsexperten Horst Schmidbauer verdeutlichen solche Rechenmodelle, wie viel Luft tatsächlich noch in unserem, angeblich nicht mehr bezahlbaren Gesundheitssystem steckt. Seine Diagnose: "Es fehlt nicht an Geld, sondern an Prophylaxe und Qualitätssicherung". In der Vergangenheit habe man sich gesonnt in den Vorzügen des Sicherungssystems und dabei immer weniger auf Qualität und Effizienz geachtet.

Bei der Versorgung chronisch Kranker, so bestätigen selbst Ärztefunktionäre, herrschen in Deutschland unübersehbare Mängel. "Es hapert an allen Schnittstellen", sagt Schmidbauer, "Patienten haben einen Hürdenlauf zu absolvieren." Außerdem sei ärztliche Kunst hier zu Lande zur "Reparaturmedizin verkommen". Dabei ließe sich mit Prävention viel sparen. Richtig eingestellt, überwacht und geschult koste ein Diabetiker die Solidargemeinschaft 2300 Mark im Jahr. Im anderen Fall komme man leicht aufs Zehnfache, Folgeerkrankungen wie Nierenversagen und Erblindung nicht eingerechnet... Beispiele für kostspielige Fehl- oder Überversorgung lassen sich aber auch anderswo finden. So stellte die Deutsche Röntgengesellschaft klar, dass man auf die Hälfte aller Durchleuchtungen getrost verzichten könne. Ersparnis: 800 Millionen Mark. In der Gynäkologie sind laut einem Gutachten der entsprechenden Fachgesellschaft die Hälfte aller Gebärmutter-Operationen und 40 Prozent aller Eierstock-Entfernungen überflüssig.

Oder Herzuntersuchungen. Die Zahl der EKGs habe sich in kürzestem Zeitraum verdreifacht, sagt Schmidbauer. Und Linksherzkatheder-Messplätze gebe es in Deutschland inzwischen so viele wie bei allen westeuropäischen Nachbarn zusammen. "Bei der Infarktrate liegen aber wir nach wie vor an der Spitze." Finnland hingegen habe diese Rate in 20 Jahren durch konsequente Prophylaxe halbiert.

Für den SPD-Politiker lautet die Devise deshalb: Umsteuern und nicht noch mehr Geld in ein marodes System stecken. "Es ist ein Witz", sagt er, "dass wir ungeprüft jede Leistung bezahlen." Nötig sei Qualitätskontrolle und ein "hartes Bezahlsystem". An unnötiger Behandlung dürften Ärzte nicht verdienen. Auch müsse man Technik-Leistungen geringer entlohnen und Hausärzte mehr fürs Koordinieren bezahlen. Dem Ärzte-Hopping könne man mit Vernetzungsstrukturen begegnen.

An all dem werde gefeilt, sagt Schmidbauer. Ein erster Schritt sei die "Belohnung" von Krankenkassen, die chronisch Kranken bessere Behandlung anbieten. Die Ministerin werde zu Unrecht angegangen. "Sie leistet echte Kärrnerarbeit."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben