Kultur : Geteilte Erinnerung

Der Historiker Ulrich Herbert über die jüngsten Vorschläge zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte

-

Die Kommission zur „Schaffung eines Geschichtsverbundes“ gibt Empfehlungen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur (siehe S. 4). Wie verfolgen Sie die aktuelle Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte?

Wir erleben gerade den Übergang von der unmittelbaren Auseinandersetzung der Erlebnisgeneration zu einer Phase der Professionalisierung im Umgang mit der DDR-Geschichte. Die Zahl der unmittelbar Beteiligten wird geringer, für die jüngere Generation, also etwa ein Drittel der Gesellschaft, ist die DDR bereits vermittelte Geschichte.

Das Papier erwähnt, dass der DDR-Alltag bislang unterbelichtet sei. Es drohe ein Fehler, den es auch bei der Aufarbeitung der NS-Geschichte gab.

Die Kommission sagt zutreffend, dass eine Auseinandersetzung mit einer Diktatur, die sich auf Herrschaft und Widerstand beschränkt, nur einen Teil der Wirklichkeit einfängt. Wer die DDR erlebte, für den bestand sie vor allem aus einem sehr langen Alltag. Da gibt es gewisse Parallelen zur Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, weil auch sie sich lange auf Repression und Widerstand und mit großer Verspätung auf die Massenverbrechen konzentrierte. Aber es gibt auch Unterschiede. Die NS-Zeit dauerte zwölf Jahre, mit einem Dauerfeuer von Großereignissen. Alltag im Sinne von Routine gab es kaum. In den 40 Jahren DDR haben, um es ironisch zu sagen, die Leute eher unter einem Mangel an Großereignissen gelitten. Die Langeweile scheint ein prägendes Element der DDR gewesen zu sein.

Warum ist es so wichtig, den Alltag zu erforschen?

Die Durchherrschung der DDR-Gesellschaft mit ihrem riesigen Apparat war viel ausgeprägter als in der NS-Zeit, in der sich Repression und Terror vor allem auf kleinere Bevölkerungsgruppen konzentrierten. Deshalb ist die Verbindung von Diktatur und Alltagserfahrung über einen so langen Zeitraum für die Analyse der DDR-Zeit aufschlussreich. Es ist plausibel und richtig, dass die Kommission ihr Augenmerk darauf lenkt.

Sie spricht auch von der Wechselbeziehung zwischen Akzeptanz und Auflehnung.

Bei der Beschäftigung mit der DDR entsteht leicht ein zweigeteiltes Bild: hier ein paar Unterdrücker, dort der große Rest der Unterdrückten. Das war in der NS- Zeit anders, weil die Nationalsozialisten die „Volksgenossen“ weitgehend schonten. Man spricht heute sogar von der Konsens-Diktaktur, was ich ein bisschen übertrieben finde. Aber es stimmt, dass ein erheblicher Teil der Gesellschaft hinter der NS-Diktatur stand. Für die DDR mag das in einzelnen Phasen auch gelten, aber über die meiste Zeit handelte es sich doch um die Diktatur einer relativ kleinen Partei-Minderheit über die BevölkerungsMehrheit. Gleichzeitig gab es viele Möglichkeiten, sich mit dem System zu arrangieren und recht gemütlich in den Nischen zu leben. Das prägt die Erinnerung und birgt die Gefahr einer Konkurrenz von zwei Geschichtsschreibungen. Einerseits die private Erinnerung mit einer gewissen Tendenz zur Verharmlosung, andererseits die Repressionsgeschichte, die aber vielfach als von oben oktroyiertes Geschichtsbild empfunden oder aus der Perspektive weniger Widerständiger erzählt wird. Das miteinander zu vermitteln, ist derzeit vielleicht die wichtigste Aufgabe.

Hinzu kommt, dass viele Westdeutsche die Geschichte der DDR nicht als Teil der gesamtdeutschen Geschichte begreifen.

Für einen Großteil der westdeutschen Bevölkerung war die DDR so weit weg wie Polen oder die Tschechoslowakei. Die direkte Identifikation kann über das Konstrukt eines weiterlebenden Nationalbewusstseins da nicht funktionieren. Man sollte das gelassener sehen. Zumal es eine Vorgeschichte gibt: Das Deutsche Reich bestand nur gut 70 Jahre, zwei katastrophale Weltkriege eingeschlossen. Davor gab es eine lange Tradition der Vielgespaltenheit des Landes; die Einheitlichkeit des Bismarck-Reichs hat die Mentalität der Deutschen nicht allein prägen können. Das erleichterte die Wahrnehmung der DDR als die Geschichte von Anderen.

Erst „Good Bye, Lenin!“, dann „Das Leben der Anderen“: Läuft Aufarbeitung eigentlich immer in bestimmten Phasen ab?

Nein, es gibt keine feste Rhythmisierung, auch wenn es nach Diktaturen oft erstmal das Bedürfnis gibt, zu vergessen und die neuen Verhältnisse zu etablieren. Dann gibt es das Bedürfnis, sich über die früheren Machthaber lustig zu machen: Hitler-Witze nach ’45 oder HoneckerWitze nach ’89 hatten etwas Befreiendes. Erst nach einer gewissen Zeit taucht der Schrecken wieder auf. Nehmen wir den Stasi-Film „Das Leben der Anderen“: Schon vor 15 Jahren gab es Stasi-Debatten, aber damals wurde das als fast normal, zum Teil gar als nervtötend empfunden. Die zeitliche Distanz ermöglicht es nun, dass Jüngere ihre Fassungslosigkeit angesichts des bis dahin historisch unbekannten und unvorstellbaren Maßes der staatlichen Bespitzelung von Privatleben zum Ausdruck bringen können.

Wie kann und soll die Politik sich in die Debatte einmischen?

Die Kommission hat hierzu kluge, ausgewogene Vorschläge gemacht, ich bin gespannt, wie sie umgesetzt werden. Allerdings birgt die Vielzahl der Bemühungen um das Erinnern der beiden deutschen Diktaturen auch eine Gefahr. Eine Demokratie kann nicht allein aus dem negativen Bezug zu ihrer diktatorialen Vergangenheit heraus leben, weil dann in der Repräsentation der Erinnerung ein Übergewicht der totalitären Vergangenheit drohte. Berlin würde zu einer Art Museum des Totalitarismus werden. Es bedarf also auch einer Diskussion um die Relationen der Erinnerung: Wie präsent sollen die Diktaturen in unserer Gegenwart sein, und wie vermeiden wir, dass die Allgegenwart der Geschichte uns in ihr befangen sein lässt? Das wird uns in den nächsten Jahren noch oft beschäftigen.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

ULRICH HERBERT (54) lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Er schrieb zahlreiche Bücher, besonders über die NS-Zeit und die Geschichte der Zwangsarbeiter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar