• Getrennt marschieren, vereint schlagen Berlins Kultursenator holt die Opernchefs zurück ins Boot

Kultur : Getrennt marschieren, vereint schlagen Berlins Kultursenator holt die Opernchefs zurück ins Boot

Frederik Hanssen

Sonntagnachmittag in der Staatsoper Unter den Linden. Auf der Bühne läuft die Familienvorstellung der „Zauberflöte“. In der Kantine lässt sich die Aufführung via Lautsprecher mitverfolgen. Zur Hilfe, sonst bin ich verloren, schmettert Tamino. Doch die wenigen Mitarbeiter, die hier an ihrem Kaffee nippen, lassen sich durch das Flehen nicht aus der Ruhe bringen. Was sie nicht wissen: Eine Treppe höher, auf der Intendanzetage, formuliert Berlins Kultursenator mit Blick auch auf ihre berufliche Zukunft ähnliche Worte: Zur definitiv letzten Verhandlungsrunde über die Opernkrise hat Thomas Flierl die Intendanten zusammengerufen. Wie die dreiköpfige Schlange hatten sich die Musiktheaterlenker vergangene Woche vor dem Senator aufgebäumt, in diversen Briefen ätzende Interna in die Öffentlichkeit gepustet. Nur Zaubermächte konnten Flierl an diesem vierten Advent noch retten. Und tatsächlich: Sie tauchten auf, in Gestalt des Münchner Intendanten Sir Peter Jonas und seines Stuttgarter Kollegen Klaus Zehelein. Als Abgesandte der „Deutschen Opernkonferenz“ warfen sie ein 112 Seiten starkes Papier zwischen die hauptstädtische Hydra und den gehetzten Senator–und siehe da, Thomas Tamino Flierl konnte blass, aber erleichtert den Konsens konstatieren. Jonas zeigte sich „angenehm überrascht“, sprach gar von einer „mehr als konstruktiven“ Atmosphäre.

Die Technik bitte zum Umbau bitte! Während die Stimme des Inspizienten durch die Kantine hallte, wurde im Sitzungszimmer an der Opernzukunft gebastelt, ohne Pause von elf bis halb fünf. Der Videobeamer, kaum angerührte Platten mit belegten Broten und die verbrauchte Luft kündeten von einem harten Kampf, als die Journalisten endlich vorgelassen wurden. Peter Jonas brachte das Ergebnis sofort nonverbal auf den Punkt: Den Aktenordner, der vor ihm auf dem Tisch lag, zierte neben dem Schriftzug „Berlin“ ein Totenkopf. Hier geht’s ums Überleben.

„Aus Egoismus“ habe er sich entschlossen, sich unter Vernachlässigung der eigenen häuslichen Pflichten noch einmal mit der Berliner Situation auseinanderzusetzen, erläuterte Klaus Zehelein: „ Berlin steht nicht isoliert da, die Krise betrifft jedes deutsche Theater.“ Vor zwei Jahren, als er das erste Mal zusammen mit Jonas ein Alternativpapier zu den Plänen des CDU-Kultursenators Christoph Stölzl entwarf, ging es darum, die Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper zu verhindern. Nun, da der PDS-Mann Flierl die Trias unter dem Dach einer Stiftung zusammenfassen möchte, soll der Gegenvorschlag die Autonomie der drei Häuser retten. Denn eine Holding der Häuser, ob nun mit einem Künstler oder einem Manager an der Spitze, lehnen Jonas und Zehelein ab. Jeder Intendant muss für seine Bühne allein verantwortlich bleiben, lautet ihr Credo.

Was jedoch die Erläuterung der Alternative anging, so hatten am späten Sonntagnachmittag alle anwesenden Herren Taminos freiwilliges Schweigegelübde abgegeben. Allein Flierl war zu entlocken, dass er nach dem Modell der Berliner Hochschulen langfristige Zuwendungsverträge für die Opern anstrebt – selbstverständlich bei sinkenden Zuschüssen. Wie hoch denn die Sparsumme ausfallen könne? Alle bislang publik gewordenen Summen seien zu hoch angesetzt, so Flierl, auch die zuletzt genannten zehn Millionen Euro. Einig sei er sich mit allen Betroffenen, dass beim Sparen eine gewisse „strategische Schwelle“ nicht überschritten werden dürfe, weil sonst ein kultureller Substanzverlust drohe.

Ob sich auch Thilo Sarrazin, der Monostatos im Berliner Senat, und seine Truppen von der SPD, mit diesem kleinsten gemeinsamen Nenner der Kulturfraktion anfreunden können, wird sich Anfang Januar herausstellen, wenn Thomas Flierl seine zwei Vorschläge der rot-roten Regierungskoalition präsentiert. Die Intendanten jedenfalls waren’s zufrieden. Staatsopernchef Peter Mussbach wollte nur noch nach vorn, nicht mehr zurück blicken, und Albert Kost von der Komischen Oper resümierte: „Advenit“. Er ist angekommen. Den Journalisten allerdings klang noch die Lautsprecheransage des Staatsopern-Inspizienten in den Ohren: Die drei Solo-Sklaven bitte auf die Bühne!

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