Kultur : Getrennt sind wir stark

Ostwestpassage: Eine Hamburger Ausstellung zeigt deutsche Architekturen

Jürgen Tietz

Wie an keinem anderen deutschen Ort rieben sich in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg die politischen Systeme aneinander – auch in der Architektur. Die Hamburger Ausstellung „Zwei deutsche Architekturen 1949–1989“ wagt sich nun an die Zusammenschau des Bauens in Ost und West. Es ist schon verblüffend, dass es bei manchen Bauten eines genauen Blickes bedarf, um zu erkennen, ob sie in Ost oder West entstanden. So sprechen die Vorhangfassaden des Centrum-Kaufhauses in Suhl (Heinz Luther mit Fritz Kühn 1966/69) und des Merkur-Kaufhauses in Duisburg (Harald Loebermann, Helmut Rhode, 1957/59) die gleiche Sprache der internationalen Nachkriegsmoderne. Auch bei den beiden Berliner Großkinos Kosmos (Josef Kaiser, Günter Kunert 1961/62) und Zoo-Palast (Gerhard Fritsche 1956/57) dominieren die Gemeinsamkeiten.

Doch die Ausstellung zeigt auch die Unterschiede: Während in der Bundesrepublik nach 1945 so viele neue Kirchen entstanden wie nie zuvor, gab es in der DDR kaum neue Sakralbauten. Ebenso führte das Einfamilienhaus ein Schattendasein. Insgesamt 217 Projekte haben die Kuratoren Simone Hain (Ost) und Hartmut Frank (West) in vierjähriger Recherche ausgewählt. Doch ganz paritätisch, wie es die Herkunft der Wissenschaftler vermuten ließe, ist die Präsentation nicht ausgefallen. 83 stammen aus der DDR, 134 aus der Bundesrepublik. Ein Ungleichgewicht, das sich nicht zuletzt aus der weit umfangreicheren Bautätigkeit im Westen herleitet.

Organisator des deutsch-deutschen Architekturvergleichs ist das Stuttgarter „Institut für Auslandsbeziehungen“. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Hochschule für bildende Künste und der Architektenkammer der Stadt hat das Institut die Ausstellung realisiert, um sie später auf Europatournee zu schicken. Ein vollständiger Überblick über 40 Jahre Architektur in Deutschland konnte dabei naturgemäß nicht entstehen. Stattdessen will man – so Hartmut Frank – „ein Schlaglicht werfen, einen unverstellten Blick wagen“.

Um den Zugang zum Thema zu erleichtern, ist die Schau in fünf Themenbereiche gegliedert: Staat, Kultur und Glauben, Wohnen und Freizeit, Bildung und Ausbildung, Wirtschaft und Verkehr; über die ausgewählten Bauten wird auf Schautafeln und zusätzlich in Schubladen von „Archivschränken“ informiert. Ergänzend werden zehn Architekturdiskurse vorgestellt, die sich mit Grundsatzfragen befassen, etwa der Haltung zum Wiederaufbau von kriegsbeschädigten Bauten, den Internationalen Bauausstellungen im Westen oder der für die DDR entscheidenden Individualisierung der Platte. Da die Schau als Wanderausstellung konzipiert wurde, musste auf originale Pläne und Zeichnungen verzichtet werden. 40 Architekturmodelle sorgen für eine anschauliche, sinnliche Note.

Zur Recht ließe sich fragen, wie „deutsch“ diese beiden deutschen Architekturen sein durften. Schließlich war man im Westen eng in den internationalen Architekturdialog eingebunden, während sich die DDR nie von den Vorgaben aus Moskau lösen konnte. Programmatisch ist die Titelabbildung des Katalogs zu verstehen, die einen Blick aus dem Westfoyer des Reichstagsgebäudes in Berlin zeigt. Ein Blick, der so heute nicht mehr möglich ist, denn Paul Baumgartens Umbau wurde ein Opfer der Wiedervereinigung. Da die Nachkriegsarchitektur in Ost und West dem gegenwärtigen ästhetischen Empfinden gleichermaßen nicht mehr recht entspricht, steht sie allerorten unter Veränderungsdruck.

Doch das wird nur am Rande thematisiert. Hartmut Frank zeichnet die bundesdeutsche Architekturentwicklung nach, von der „Demokratie als Bauherr“ bis zur Internationalen Bauausstellung der Achtzigerjahre, während der Beitrag von Simone Hain die kritische Distanz zur DDR-Architektur gelegentlich vermissen lässt. Der Ausstellung selbst schadet das nicht: Allein die immer wieder verblüffenden Ähnlichkeit der Baukunst in Ost und West lohnt ihren Besuch.

Zwei deutsche Architekturen 1949-1989. Kunsthaus Hamburg, bis 29. August. Der Katalog kostet 25 Euro.

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