Kultur : Gewalt beim G-8-Gipfel: Im Dunkeln

Barbara Junge

Die Nacht zum Donnerstag war die erste ohne diese Bilder. Immer wenn Marc Lang in den drei Nächten zuvor versucht hatte, die Augen zu schließen, waren sie zurückgekommen: Die junge unbekannte Frau neben ihm auf dem Asphaltboden. Die, die immer geschrien hatte, Knüppelschlag für Knüppelschlag. Bis irgendwann nichts mehr zu vernehmen war außer dem dumpfen Geräusch der Schläge. Und dann die Erinnerung an das Gesicht des jungen Mannes, festgepresst auf den Erdboden. Und dessen orangegefärbte Punkfrisur, die immer mehr die Farbe der Blutlache angenommen hat.

In der Nacht zum Donnerstag hat Marc Lang, Sozialarbeiter aus Berlin, das erste Mal seit dem Wochenende in Genua wieder richtig geschlafen. Trotz der großen dunkelvioletten Flecken, die seinen Rücken und die Nierengegend bedecken. Der 33-Jährige ist als Erster aus der Diaz-Schule in Genua nach Berlin zurückgekehrt. Die Unterkunft für Gipfelgegner war in der Nacht zum Sonntag von der Polizei gestürmt worden.

Nach und nach werden die Festgenommenen aus den Gefängnissen Genuas entlassen. Dabei mehren sich die Berichte über Polizeiübergriffe, in der Schule oder in der zum Gefangenen-Sammellager umfunktionierten Kaserne Bolzaneto. Alfonso De Munno etwa, ein freier Fotograf aus Rom, ist mit einem gebrochenen Fuß, einer angebrochenen Rippe, einem geschwollenen Gesicht und am ganzen Körper blauen Flecken aus Bolzaneto entlassen worden. "So viel Gewalt habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen. Die ziehen sich die schwarzen, gepolsterten Handschuhe an", berichtet er in Italien, "und hören für eine Stunde nicht mehr auf zu schlagen". Polizisten hätten ihre Zigaretten auf den Handflächen eines Inhaftierten ausgedrückt und ein faschistisches Lied gesungen. Wegen des Einsatzes in der Diaz-Schule hat die Staatsanwaltschaft in Genua jetzt erste Ermittlungen eingeleitet.

Wenige Stunden vor dem Polizeieinsatz, am Samstag abend, hatte in der Diaz-Schule noch erleichterte Aufbruchstimmung geherrscht. Der Gipfel war vorbei. Am nächsten Morgen sollte es nach Hause gehen. Irgendwann nach Mitternacht ist Marc Lang aufgewacht. Er hörte einen lauten Knall - die Polizei hatte das Hoftor zur Schule mit einem Fahrzeug aufgebrochen. Dann ging alles sehr schnell. In wenigen Sekunden seien die Polizisten im Gebäude gewesen, jeden schlagend, der anwesend war. An Gegenwehr sei nicht zu denken gewesen. "Jeder und jede hat nur versucht, sich zu retten, irgendwie." Versteckt, mit erhobenen Händen, im Schlafsack verkrochen. Er selbst sei eine Treppe nach oben gelaufen, hin zum Fenster, trotz großer Angst auf ein Baugerüst und runter auf den Hof hinter dem Gebäude. In panischer Angst habe er versucht, mit denen, die zufällig mit ihm geflohen waren, über eine Mauer zu entkommen. Er und ein anderer hätten versucht, einer Frau dabei zu helfen - das hat länger gedauert. "Wahrscheinlich war das zumindest für mich ein ganz großes Glück", meint Lang jetzt, da er seine Geschichte erzählt. Er habe sich anschließend mit den beiden anderen unter Tische in einem Glashaus geflüchtet, das auf dem kleinen Hinterhof jenseits der Mauer stand. Die Polizisten seien an ihnen vorbeigestürmt - einschlagend auf diejenigen, die schneller über die Mauer geklettert waren.

"Dann hat uns aber doch einer gesehen. Und plötzlich war um uns herum nur noch splitterndes Glas", schildert Lang. Etwa 15 Beamte seien es gewesen, mit violetten Mundtüchern oder schwarzen Masken vermummt. Für einen Moment hatte er keinen Blick für die beiden anderen. Erst draußen dann wieder sah und hörte er, was jenen zustieß. Mit ihm selbst war man nicht anders umgegangen. "Ich wurde geschlagen, unter Schlägen bin ich aus dem Pavillon gelaufen, wurde dort auf den Boden geworfen und weiter geschlagen. Einfach immer weiter."

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