Kultur : Gewalt und Wahrheit

Der libanesische Performance-Künstler Rabih Mroué bei den „Middle East News“ im Berliner HAU

Rüdiger Schaper

Beiruter Geschichten sind mit größter Vorsicht zu erzählen. Denn in ihnen stecken syrische, israelische, saudi-arabische, amerikanische Geschichten und Interessen – so wie sich im Libanon tausende Jahre Zivilisationsgeschichte überlagern. Ein großer Erzählversuch über die europäischste Stadt des Orients war Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“ von 1979, eine deutsche Journalistenodyssee im Bürgerkrieg. Das jüngste levantinische Epos ist der Bericht des Berliner Staatsanwalts und UN–Sonderermittlers Detlev Mehlis, der die Ermordung des libanesischen Spitzenpolitikers und Geschäftsmanns Rafik Hariri am 14. Februar 2005 aufzuklären sucht. Hariris Grabmal in der Innenstadt, nahe der Moschee, die er erbauen ließ, ist immer noch ein Blumenmeer. Eine digitale Anzeige zählt die Tage, die seit Hariris Tod vergangen sind.

Beirut, im November. Wenn Rabih Mroué die Bühne betritt, hat man das unheimliche Gefühl, dass im Raum etwas tickt. Der 38-Jährige arbeitet beim libanesischen Fernsehen und ist einer der wichtigsten Performance-Künstler der gesamten Region. Auf dem Festival „Home Works“, das nach dem Hariri-Attentat vom Frühjahr in den Winter verschoben wurde, zeigte Mroué zusammen mit seiner Frau Lina Saneh das Stück „Who’s Afraid of Representation?“. Das Thema: Spielarten von Gewalt. Das Paar konfrontiert Selbstverstümmelungsaktionen westlicher Body-Art-Künstler mit den mörderischen Exzessen im libanesischen Alltag. Einige Tage später ist Mroué bei der Zensurbehörde vorgeladen. Acht Stunden dauert die Befragung, der Künstler hat dafür eine beträchtliche „Bearbeitungsgebühr“ zu entrichten, er wird einige Passagen aus dem Text entfernen. Die Beamten stören sich offenbar an der sexuellen Freizügigkeit seiner Sprache.

„Unsere Welt ist voller Bilder. Ich will sprechen, reflektieren“, sagt Mroué bei unserem Treffen in einem Café in der Rue Hamras, der Hauptgeschäftsstraße Beiruts. Mit seinen „Lecture Performances“ kultiviert er eine Theaterform, die auf die Tradition der Geschichtenerzähler auf arabischen Märkten zurückgeht. Mroué erinnert an die Antike: „Das klassische griechische Theater zeigt nicht die Aktion, vielmehr spricht es darüber.“ Was an einen Satz aus Orhan Pamuks Roman „Das neue Leben“ denken lässt: „Warum denkt der Mensch in Wörtern und leidet unter Bildern?“ Im Bilderverbot steckt auch Weisheit.

Zum Berliner „Middle East News“-Wochenende im Hebbel am Ufer, das von Catherine David kuratiert wird, kommt Rabih Mroué mit einer anderen formstrengen Arbeit. „Looking for a Missing Employee“ dreht sich um eine wahre Geschichte, die in einer Flut von Spekulationen, Verdächtigungen, Falschmeldungen, Fantasien und Lügen versank. Ein Fall Hariri im Kleinen. Eines Tages, erzählt Mroué, verschwand ein Beiruter Finanzbeamter mit einem Koffer voller Geld. Irgendwann fand man seine Leiche, aber nie kam heraus, ob er auf eigene Rechnung handelte, ob der Geheimdienst oder eine einfache kriminelle Bande dahintersteckte. Mroué arbeitet mit frei zugänglichem Material: Zeitungsberichten. „Looking for a Missing Employee“ ist eine politische Detektivgeschichte. Ihre Explosivität liegt in der Ruhe, mit der Mroué sie aufblättert.

Man kann das Phänomen der „Lecture Performance“ auch mit den mangelnden finanziellen Möglichkeiten für politisches Theater in einem Land wie dem Libanon erklären. Auch Walid Raad arbeitet, wie Rabih Mroué oder Ali Cherri – er kommt mit dem Stück „Un Cercle Autour du Soleil“ nach Berlin – mehr oder weniger solistisch, mit Laptop und Projektionsfläche. Ein solches Equipment macht autark und mobil. Die libanesischen Performer treten auf wie Hochschullehrer, Handelsvertreter, politische Aufklärer und poetische Abenteurer zugleich. Walid Raads „I Feel a Great Desire to Meet the Masses Once Again“ berichtet von einem unfreiwilligen Selbstversuch: wie er im November 2004 auf einem inneramerikanischen Flug vom FBI als Terrorist ausgeguckt und ein Wochenende lang verhört wurde. Eine mutwillige Verwechslung, ähnlich wie im Fall al Masri.

Ein Mensch allein auf der kahlen Bühne, mit seinem Handwerkszeug und seinen Geschichten, die er aus dem unendlichen Strom der Nachrichten fischt: Es ist vielleicht die älteste Form des Erzählens, des medialen Gedankenaustauschs. „Ich repräsentiere nicht den Libanon. Ich repräsentiere nicht den Nahen Osten. Ich repräsentiere mich selbst“, sagt Mroué. Was ihn an der body art einer Marina Abramovic oder eines Bruce Nauman fasziniert, ist die radikale Herausstellung des Einzelnen. „In unserer Gesellschaft“, sagt Mroué, „fehlt es am Respekt für das Indivuum.“

Geschichten aus Beirut verlieren sich oft im Detail. Sie wiederholen sich. Bis der Kreislauf von Gewalt und Hoffnung, Zerstörung und Wiederaufbau vollendet ist.

„Middle East News. On Politics and Culture“. Eröffnung mit Catherine David am 20. 1. im HAU 1. Lecture von Navid Kermani am 21. 1. im HAU 1. „Un Cercle Autour du Soleil“ von Ali Cherri am 21. 1. im HAU 1. „Looking For a Missing Employee“ von Rabih Mroué, 20. und 21. 1. im HAU 3. „Shabihkhani“, Film von Bahman Kiarostami, Teheran, am 21. 1. im HAU 2. Konzert Soap Kills, Paris/Beirut am 21. 1. im HAU 2. Infos: www.hebbel-am-ufer.de

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