Kultur : Gewehr im Gras

Julia Loktevs Film „The Loneliest Planet“.

Martin Gobbin

Ein Davor, ein Danach. Dazwischen eine Zäsur. Sie zerschneidet eine Beziehung. Und in gewisser Weise auch den Film selbst. Alex (Gael Garcia Bernal) und Nica (Hani Furstenberg) sind um die 30 und verliebt. Angeführt vom Einheimischen Dato (Bidzina Gujabidze), wandern sie durch die Berge Georgiens, rollen sorglos im Gras herum, halten Händchen und füßeln verspielt. Und plötzlich zeigt ein Gewehrlauf auf die beiden. Alex’ Reflex ist vollkommen natürlich – und doch signalisiert er Verrat, weil er den Geschlechterrollen zuwiderläuft.

Nicas Vertrauen ist zerstört. Mag sein, dass der Film fortan etwas viel Zeit damit zubringt, das Herumstolpern des Paars und seine geschockten Gesichter ins Bild zu setzen. Und doch erklärt schon die Anordnung der Figuren im Raum alles. Plötzlich riesig wirken die Entfernungen zwischen Nica und Alex, verloren und schweigend laufen sie in weiten Totalen durch die Landschaft.

Indem Nica und Alex die zwischenmenschlichen Funkstörungen überspielen, erschüttern sie umso mehr das Fundament ihrer eben noch unangreifbar wirkenden Beziehung. Die Schauspieler setzen dabei auf subtiles Understatement. Zudem gelingen dem Film immer wieder schöne, fast heitere Bilder und Szenen – etwa wenn Nica und Alex vor grüner Bergkulisse Kopfstand üben oder nachts am Lagerfeuer sitzen. Bis sich die unterdrückten Gefühle in einer verwirrten Revanche-Handlung Bahn brechen. Unspektakulär vollzieht sich so ein leises Liebesdrama. Das Paar ist mit einem „Lonely Planet“-Reiseführer unterwegs. Und entdeckt dabei weniger Georgien als den einsamsten Planeten überhaupt: die Einsamkeit der Zweisamkeit.Martin Gobbin

Babylon Mitte, fsk am Oranienplatz

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