Gewinnerin in Klagenfurt gekürt : Martynova ist Bachmann-Preisträgerin

Ihr Text hatte sich eindeutig von den anderen abgehoben und sie stand gleich im zweiten Durchgang als Gewinnerin fest: Die in Deutschland lebende Russin Olga Martynova ist Bachmann-Preisträgerin. Doch auch die anderen Preisträger steuerten bemerkenswerte Texte bei.

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Glückliche Gewinnerin des Bachmann-Preises und damit um 25.000 Euro reicher: Olga Martynova. Foto: dapd
Glückliche Gewinnerin des Bachmann-Preises und damit um 25.000 Euro reicher: Olga Martynova.Foto: dapd

Die Frage ist in den vergangenen Jahren häufig gestellt worden, gerade bei denen, die regelmäßig in Klagenfurt vor Ort sind: Verdient der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eigentlich die Aufmerksamkeit, die ihm im Literaturbetrieb und hie und da darüber hinaus entgegengebracht wird? Was das Dargebotene aus der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur anbetrifft: nicht immer.

Hinsichtlich seines Ablaufs mit den halbstündigen Lesungen und der jeweils anschließenden Jurydiskussion, drei Tage lang live vom Fernsehsender 3 Sat übertragen: unbedingt! Schaut man sich zudem die Preisträger und alte Teilnehmerlisten an, sind viele der heute verdientesten Kräfte der deutschsprachigen Literatur dabei. Von Sibylle Lewitscharoff, die den Preis 1998 gewann, bis zu Uwe Tellkamp (Sieger 2004), von Ingo Schulze über Jenny Erpenbeck, Thomas Hettche und Antje Ravic-Strubel bis zu Arno Geiger, um nur ein paar zu nennen.

Wenn da gern mal von der „ältesten Casting-Show des Fernsehens“ gesprochen wird, dann ist der Bachmann-Wettbewerb zugleich auch die erfolgreichste Casting-Show. Er produziert nachhaltigeren Ruhm als die Gesangsformate im Privatfernsehen. 

Insofern ist über die diesjährige 36. Ausgabe des Bachmann-Lesens, die nicht als eine der besten in der Geschichte eingehen wird, das letzte Urteil noch nicht gefällt. Wie durchwachsen dieser Wettbewerb war, stark vor allem im Mittelfeld, aber mit ein paar deutlichen Ausschlägen nach unten, das machte am Sonntagvormittag allein die Abstimmung deutlich. Die siebenköpfige Jury benannte für den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gleich fünf Kandidaten.

Und bei den nachfolgenden Preisen musste sie zweimal durch gleich vier und einmal drei Stichwahlen. Immerhin stand die seit 1991 in Deutschland lebende Russin Olga Martynova als Bachmann-Preisträgerin gleich im zweiten Durchgang fest. Zu eindeutig hatte sich ihr Text von den anderen abgehoben.

Martynovas Geschichte „Ich werde sagen: ,Hi‘“ ist literarisch und luftig-unterhaltsam zugleich, sprachlich souverän und auch in der Stoffgestaltung. Ein typischer Klagenfurt-Sieger-Text, der zudem durch thematische Fülle imponiert. Er erzählt die Geschichte der Schriftstellerwerdung und des Liebeserwachens eines jungen Mannes namens Moritz, dann die Ehegeschichte von dessen Onkel und Tante, bei denen Moritz seine Ferien verbringt. Und schließlich transportiert Martynovas  Text schön auch die Geschichte eines Provinzstädtchens, in einer (multikulturellen) Gegenwart genauso wie in der Tiefe der Zeit. 

Es mag eine Ironie dieses Wettbewerbs sein, dass nach Maja Haderlap 2011 und Peter Wawerzinek 2010 erneut eine schon etwas ältere Autorin gewonnen hat: Olga Martynova ist 1962 geboren. Doch als „Startrampe“, von der die Autoren und Autorinnen in den Literaturbetrieb und später auf den Buchmarkt „geschossen“ werden, wie das der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen bei der Eröffnung nicht ganz glücklich formulierte, dürfte der diesjährige Wettbewerb nicht zuletzt einigen Jüngeren dienen. 

Von denen stammten die neben Martynova bemerkenswertesten Texte. Allen voran der 1979 in Polen geborene Matthias Nawrat. Der legte mit „Unternehmer“ eine seltsame, postapokalyptisch angehauchte, sachte das Science-Ficton-Genre streifende und aus der Perspektive eines jungen Mädchens erzählte Familien- und Pubertätsgeschichte vor. Nawarat wurde dafür mit dem zweiten, von dem Stromkonzern Kelag gestifteten, Preis ausgezeichnet (10.000 Euro).

Der wiederum mit dem mit 7.500 Euro dotierten 3-Sat-Preis ausgezeichnete und überzeugend vorgetragene Text der 29-Jährigen Lisa Kränzler zeigte eindringlich und sprachlich präzise die Abgründe und Ambivalenzen frühkindlicher Sexualität auf, enthielt allerdings etwas zuviel Kätzchenmetaphorik. (Kränzlers Auftritt hatte im übrigen etwas Tragisches, starb doch der Lektor ihres Textes in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in seinem Hotelzimmer in Klagenfurt an einem Herzversagen.)

Und die 25 Jahre alte Österreicherin Cornelia Travnicek, die im Frühjahr mit ihrem Debütroman „Chucks“ auf sich aufmerksam gemacht hatte und in Klagenfurt den von der BKS-Bank gestifteten Publikumspreis erhielt (7.000 Euro), stellte einen auf zwei Erzählebenen gekonnt gestalteten Romanauszug ebenfalls über das Ende einer Kindheit vor. 

Sprachlich war das meiste tadellos  -  auch wenn es in der Jury des öfteren geteilte Meinungen darüber gab, ob, wie im Fall von Travnicek, „die Sprache als Kunstraum zu wenig erschlossen“ sei, wie das Corina Carduff schön ausdrückte. Oder ob man sich nicht doch einfach mit klug und raffiniert ausgelegten Motivketten, mit unterhaltsamen Einfällen und klar konturierten Konstruktionen zufrieden geben sollte. 

Inhaltlich ließ sich erstmals wieder ein richtiger Trend ausmachen. Von der ersten Lesung durch Stefan Moster, der mit „Der Hund von Saloniki“ einen solide gemachten Text über die verunglückte Reise eines 18-Jährigen nach Griechenland vortrug, bis zur letzten, völlig missglückten und kitschigen Erzählung von Isabella Feimer musste sich die Jury mit einem stetig wiederkehrenden Thema auseinandersetzen: dem Abschied von Kindheit und Jugend, der Erinnerung daran, das Erwachen der Sexualität. Kurzum: mit Coming-Of-Age-Geschichten.

Das wirkt nicht gerade gegenwartsversessen, so wie es Tradition hat beim Bachmann-Lesen. Es hat aber in seiner bewussten Vermeidung einiges mit der Gegenwart zu tun: mit dem globalen Finanz- und Wirtschaftsgebaren, überhaupt mit der kompletten ökonomischen Durchdringung des Alltags, inklusive überbordenden Konsumverhaltens. Und mit einer entspannt älter werdenden Generation, die es ihren Kindern schwer macht, sich an ihr abzuarbeiten, Stichwort Rebellion.

Man könnte so vom Rückzug einer jüngeren Autorengeneration in Kindheit und Jugendzeit sprechen. Das ist ein Schatz, der ihr keiner nehmen kann, der Halt verspricht - und dessen Schönheit und Schrecken gleichermaßen Mehrwert versprechen. 

Ein anderer Trend deutete sich zumindest an: der Realismus ist nicht mehr das bevorzugte Ingrediens der Literatur. Einige Geschichten hatten etwas Surreales, begaben sich vorübergehend in Traumwelten. Bei Hugo Ramnek schlängelt sich eine Kellerechse als Symbol für sexuelles Begehren durch den Text, seine Protagonisten erheben sich immer mal wieder in die Lüfte. Bei Lisa Kränzler verwandelt sich das geliebte Gegenüber der Erzählerin mehrmals in eine Katze.

Andreas Stichmann, der auch einen Preis verdient hätte, hielt in seinem Romanauszug „Der Einsteiger“ schön die Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit. Nie kann man sicher sein, ob sein junger, mit seiner Freundin in abbruchreifen Häusern wohnender Mann wirklich in eine fremde Wohnung einbricht und dort ein bürgerliches Familienidyll sehnsüchtig verfolgt. Oder ob er von seiner eigenen Familie erzählt, ob der kleine Junge, den er da beobachtet, nicht er selbst ist.

Und die 1977 geborene Berlinerin Inger-Maria Mahlke, die die gegenwärtigste Geschichte dieses Wettbewerbs vorlegte und dafür mit den von deutschsprachigen Verlagen gestifteten Ernst-Willner-Preis (5.000 Euro) ausgezeichnet wurde, versuchte sich an einem Sprachexperiment. Ihre Erzählerin spricht sich durchweg selbst in der Du-Form an: als alleinerziehende Mutter, die beruflich eine zweifelhafte Karriere von einer Bäckerei-Verkäuferin hin zu einer Domina macht und ihrem Sohn das versucht zu verheimlichen. Das liest sich mitunter holprig, unelegant, hat aber eine eigene, durchaus leuchtende Intensität.

An den Entscheidungen lässt sich kaum herummäkeln oder herumdeuteln. Wie überhaupt an der Arbeit der Jury. Sie präsentierte sich so homogen wie nie, was nicht zuletzt der Schweizer Germanistikprofessorin Corina Carduff zu verdanken war, die sich hervorragend einfügte.

Die Jury deutete, diskutierte, lobte, zerpflückte und beschäftigte sich selbst noch mit den Texten intensiv, die kaum langer Rede Wert waren. Als sie dann noch souverän und keineswegs irritiert das subtil aggressive Fotografieren des enttäuschten Autors Leopold Federmayrs über sich ergehen ließ, „der einzige performative Akt dieses Wettbewerbs“, wie Carduff fast enttäuscht feststellte.

Und als schließlich Burkhard Spinnen nach der Preisverleihung verblüfft feststellte, im Café am Lendhafen, das dem Wettbewerb als zweiter, abendlicher Schauplatz diente, enorm viele junge Menschen angetroffen zu haben, spätestens da war klar: Der Bachmann-Wettbewerb hat noch eine lange, erfolgreiche Lebensdauer vor sich.

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