Kultur : Gewonnen, zerronnen

Kein Zugang zu Bach? Die Sing-Akademie zu Berlin ringt um einen künstlerischen Neuanfang – und setzt dabei ihr einzigartiges Notenarchiv aufs Spiel

Frederik Hanssen

Der Mann weiß, was er will: „Ich muss das ,c’ bei ,afflicta’ deutlich hören! Bringen Sie die Triole präzise! Wer’s nicht kann, soll schweigen, statt hier zu üben!“ Joshard Daus schenkt seinen Sängern nichts bei der Probe, lobt wenig, korrigiert viel. Die 30 überwiegend jungen Menschen aber lassen sich den barschen Ton klaglos gefallen, setzen immer wieder an, so lange, bis Daus endlich zufrieden ist: „Jawoll, so wird’s Musik.“

Offiziell nennen sich die Sänger, die hier zusammensitzen, „Sing-Akademie zu Berlin“. Mit jenem Westberliner-Chor, wie man ihn von früher kennt, hat die Formation allerdings wenig zu tun. Als man ihn bat, die künstlerische Leitung der Sing-Akademie zu übernehmen, habe er sich entschlossen, die Mitglieder in eine Amateur- und eine Leistungs-Gruppe aufzuteilen, erklärt Daus. Mit den alten Damen, die früher das Rückgrat des Chores bildeten, wird er künftig kleine, bescheidenere Projekte erarbeiten. Mit den jungen Sängern aber strebt der graumelierte Maestro mit der randlosen Brille ganz nach oben: Ein vokalpädagogisches Sprachrohr will Joshard Daus in der Hauptstadt sein, will das Nachwuchsproblem deutscher Chöre professionell anpacken, ein Institut für die Ausbildung begabter Laien mit akademischem Anspruch ins Leben rufen, die Sing-Akademie als „festes Ensemble mit internationalem Ruf“ etablieren, überregional beachtete Konzerte geben – natürlich in einem „ Berliner Haus der Chormusik“.

Wer Joshard Daus erlebt, wie er vor Ideen übersprudelt, vom Potenzial seiner Schützlinge schwärmt, muss unwillkürlich an den großen Musikmediator Justus Frantz denken. Daus hat zweifellos Überredungstalente. Doch so gut der Celibidache-Schüler und Gründer der Europa-Chor-Akademie auch reden kann – eine Unbekannte gibt es in Daus’ Rechnung doch: die jüngste Vergangenheit der Sing-Akademie. Und die gehört zu den bittersten, unappetitlichsten Kapiteln der Berliner Nachwendegeschichte. Als „Zugezogener“, der einmal wöchentlich aus Mainz zur Probe in die Hauptstadt einfliegt, würde Joshard Daus gerne unbeschwert in die Zukunft starten. Doch die Schatten der letzten Jahre werden ihn schneller einholen, als ihm lieb ist.

Drama der Dopplung

Als sein Vorgänger Dietrich Hilsdorf Mitte der 90er Jahre spürte, dass er die Sing-Akademie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr lange würde leiten können, suchte er Hilfe bei der Kulturverwaltung: Das Freiwerden der Dirigentenstelle sollte genutzt werden, um die beiden durch die Mauer getrennten Singakademien endlich wiederzuvereinigen. Während nämlich der 1791 gegründete Chor nach 1945 im Westteil der Stadt als senatsgefördertes Ensemble die Tradition der einst bedeutendsten Berliner Laien-Musikvereinigung pflegte, hatte sich 1963 in Ostberlin eine zweite Singakademie gegründet. Was lag also nach 1989 näher, als die beiden Chöre zu einem Gesamtberliner Klangkörper zu vereinen?

Doch es regte sich Widerstand in den Reihen der Westler, eine Kalte-Krieger-Front formierte sich gegen die Fusionspläne. Mit Hilfe der Senatsverwaltung und einer bedeutenden Künstlerpersönlichkeit (im Gespräch war kein Geringerer als Christopher Hogwood) wollte Dietrich Hilsdorf die Seinen überzeugen. Doch der Maestro starb, ohne seinen letzten Willen vollendet zu sehen. Im Chor kam es daraufhin zu einem offenen Kampf zwischen dem zukunftsorientierten Vorstand und den Hardlinern. In einer turbulenten Mitgliederversammlung wurden die Reformer abgewählt, die Satzung umgeschrieben und eine neue Leitung berufen. Ein rechtswidriger Vorgang, wie Lutz von Pufendorf befindet, der als Anwalt die geschassten Sing-Akademisten vertritt.

Wenn sich von Pufendorf mit seiner Auffassung vor Gericht durchsetzen kann, werden alle Entscheidungen des derzeitigen Vorstands einschließlich der Berufung von Daus rückwirkend nichtig. Gravierend könnten auch die Auswirkungen auf ein weiteres schwebendes Verfahren sein: den Rechtsstreit um das Maxim Gorki Theater. Das klassizistische Gebäude am Festungsgraben ist als Konzertsaal der Sing-Akademie entstanden und durfte nach 1945 nicht konfisziert werden, da es sich um Eigentum eines Vereins handelte – da sind sich beide Streitparteien einig. Wem aber sollte das Haus zugesprochen werden, wenn die Sing-Akademie noch nicht einmal einen von allen Mitgliedern anerkannten Vorstand hat?

Träume von Tantiemen

Doch es kommt noch dicker: Als größtes Problem entpuppt sich immer mehr das erst vor kurzem aus Kiew nach Berlin zurückgekehrte Chor-Archiv. Joshard Daus träumt davon, seine ehrgeizigen Chorentwicklungsprogramme mit Einnahmen aus Tantiemen zu finanzieren: Künstler, die sich danach verzehren, massenweise Meisterwerke aus dem Notenschatz aufführen wollen, gibt es mehr als genug. Doch ob bei jeder Aufführung tatsächlich Abgaben an die Sing-Akademie fällig werden, ist mehr als fraglich. Bevor die Kisten mit den unschätzbar wertvollen Manuskripten in der Ukraine für den Versand nach Berlin fertig gemacht wurden, hat eine gemeinnützige amerikanische Stiftung das Material auf Mikrofilm gebannt. Mit Hilfe dieser Kopien sind längst weltweit jede Menge Konzerte realisiert worden, während die Originale in der Berliner Staatsbibliothek für Forscher wie Praktiker unter Verschluss liegen. Aufführungen nach Mikrofilmmaterial gab es in Hamburg und Wien, aber auch in den USA, Schallplattenproduktionen laufen an, ganze CD-Serien sind geplant. Joshard Daus kündigt zwar an, jeden rechtlich verfolgen zu wollen, der ohne Erlaubnis der Sing-Akademie die Bach- oder Telemann- Trouvaillen zu Gehör bringt – doch hat er überhaupt das Recht dazu?

Achim Zimmermann, der Leiter der „anderen“ Berliner Singakademie mag sich mit solchen Themen nicht beschäftigen. Und zum Dauerstreit zwischen den Chören will er sich am liebsten auch nicht äußern. Er macht lieber Kunst, am 28. Februar beispielsweise Michael Tippetts „A child of our time“, das 1944 uraufgeführte Oratorium um den jüdischen Jungen, der aus Verzweiflung über die Deportation seiner Eltern den Nazi-Botschafter in Paris erschoss. Ein Werk, an das sich nur wirklich gute Chöre heranwagen dürfen.

Und auch ein Konzert mit einem Juwel aus dem Sing-Akademie-Archiv hat Achim Zimmermann bereits fest geplant. Am Karfreitag singt sein Chor Carl Philipp Emanuel Bachs 1789er Matthäuspassion. Das Notenmaterial kommt nicht aus der Berliner Staatsbibliothek, sondern direkt aus den USA, der Aufführungsort ist symbolisch: Auf freundliche Anfrage der Sänger stellt Ulrich Hesse der Berliner Singakademie das Maxim Gorki Theater zur Verfügung.

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