Kultur : Gib dem Affen Süßstoff

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter geistert durch die Medien und zeigt sich ihren Fans in der Berliner Philharmonie

Frederik Hanssen

Diese Frau ist ein Phänomen. Ein Medienphänomen. Anne-Sophie Mutter gehört zu den ganz wenigen Klassik-Stars, die ihren Schallplattenfirmen noch satte Gewinne bescheren. Und darum läuft die Vermarktungsmaschinerie der Deutschen Grammophon jedes Mal heiß, wenn die bekannteste Geigerin der Welt ein neues Album auf den Markt bringt. Obwohl die jüngste Veröffentlichung ein ziemlich willkürlich zusammengestellter Mix hübscher Kleinigkeiten ist (siehe Tagesspiegel vom 30.4.), hat sie nach vier Wochen schon Platz1 der Klassik-Bestsellerliste Kultur-„Spiegel“ erklommen. Der massive Einsatz der Marketingabteilung führt natürlich auch dazu, dass sich die Presse intensiv mit jedem geigerischen Tonsignal Anne-Sophie Mutters beschäftigt. Zumal sich die bestbezahlte Solistin des internationalen Musikbusiness nicht zu schade ist, das aktuelle CD-Programm mit Live-Konzerten in ganz Deutschland anzupreisen.

Dabei entfachte „Tango Song and Dance“, „das Recital des Jahres“ (Eigenwerbung), diesmal einen richtigen Sturm im Wasserglas. Nachdem nämlich die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) die Novität als Anlass für einen Artikel über den künstlerischen Niedergang der Virtuosin benutzt hatte, warf sich die „Bunte“ schützend vor Anne-Sophie Mutter und behauptete, der FAS-Feuilletonchef habe den Verriss höchstselbst in Auftrag gegeben. Empörung löste auch die Feststellung aus, die Geigerin umgebe sich privat wie musikalisch vor allem mit älteren Männern. Der Artikel schloss mit den Worten: „Darf man einer Frau, die liebt und die dafür Opfer bringt, so wehtun?“

In der Tat hat die 39-jährige Musikerin jüngst den 74-jährigen Dirigenten André Previn geheiratet, ihr Klavierbegleiter Lambert Orkis verströmt onkelhafte Gemütlichkeit, und auch ihr erster Gatte war wesentlich älter als sie. Diverse Medien stiegen nach dem Aufschrei der „Bunten“ auf das Thema ein. Die „Berliner Zeitung“ füllte eine ganze Seite mit einem Text, der aufzählte, dass die neue CD 26 Mutter-Fotos enthalte, und fragte, was für ein Kleid sie sich wohl für die Promo-Tour auf den Leib schneidern lassen werde. „Morgenpost“-Autor Klaus Geitel erinnerte sich vor allem daran, dass er damals den Begleittext zur legendären 1984er Vivaldi-CD mit der blutjungen Geigerin und ihrem Entdecker Herbert von Karajan verfasst hatte. In der „Süddeutschen“ schließlich wurde die These entwickelt, der Hang Anne-Sophie Mutters zu Glamour und Populärem entspringe einem tiefen Bedürfnis, Klassik zeitgemäß zu vermitteln ohne die Tradition zu verraten.

Kann dieser Spagat gelingen? Wie öffnet man die Ohren der Musikmuffel? Beim Auftritt des Stars in der nicht restlos ausverkauften Philharmonie wird nach dem ersten Satz von Faurés A-Dur Sonate geklatscht. Das erregt jene, die sich mit den Ritualen des konzentrierten Zuhörens auskennen. Leider bleibt dieser Fauxpas des Publikums das einzig Erregende an diesem Abend. Anne-Sophie Mutter absolviert ihr Programm vollkommen – vollkommen unbeteiligt. Technisch ist sie weiterhin über jeden Zweifel erhaben. Ihr Problem ist nicht, dass sie „nicht mehr so gut geigt“, wie die FAS titelte. Ihr Problem ist, dass sie nicht musiziert.

Alle großen Interpreten waren Spielernaturen, Zocker, die das Risiko liebten. Wenn Horowitz Scarlatti spielte, dann hatte das vor allem mit Horowitz zu tun. Aber es faszinierte, weil eine starke Persönlichkeit ihre Sicht auf ein Werk vermitteln wollte. Wenn Anne-Sophie Mutter sich in Brahms’ „Ungarischen Tänzen“ alle nur erdenklichen interpretatorischen Freiheiten herausnimmt, dann wirkt das manieriert. Warum? Weil ihr Spiel ohne Selbstreflexion ist. Weil sie nicht aus innerer Notwendigkeit vom Notentext abweicht, sondern Effekte als Dekorationsmaterial betrachtet. Natürlich wird jeder Zuhörer geblendet von Mutters blühendem Geigenton, von den rasanten Läufen und hauchzarten Pianissimi. Doch die Perfektion ist kalt, die Künstlerin bleibt hinter der Virtuosin verborgen.

Schönheit allein ist kein Schlüssel zum Verständnis klassischer Musik. So ehrenwert Mutters Absichten sein mögen – ohne innere Anteilnahme seitens der Interpretin bleibt es auch für den Zuhörer beim Genuss erlesener Tonkunst ohne Nachhaltigkeit. Darum verwundert es auch kaum, dass sich der Jubel am Dienstagabend in der Philharmonie in Grenzen hält. Verglichen mit der üblichen Applausfreudigkeit des Hauptstadt-Publikums wirkten die Beifallsbekundungen merkwürdig mechanisch: Exakt für zwei Verbeugungen reichte es nach jedem Stück. Am Ende gab’s zwei Mal je drei „Vorhänge“ und doch eine Zugabe. Spontane Begeisterung sieht anders aus.

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