Kultur : Gib mir das Bambi

Das Berliner Gorki-Theater holt Cukors „Damen der Gesellschaft“ in die Gegenwart – mit einem illustren Aufgebot

Sandra Luzina

12 Frauen und kein Mann. In „Damen der Gesellschaft“ bleiben die Ladies unter sich – und doch ist der Mann, der ewig abwesende, der unbestreitbare Mittelpunkt ihres Sinnen und Trachtens. Als Ehemann, Ex-Mann, Mann in spe und adé, als Goldfisch und gute Partie dominiert er das weibliche Bewusstsein – mit einem Wort: als Versorger. Und natürlich sorgt er als notorischer Fremdgeher dafür, dass den Gattinnen und Goldgräberinnen der Klatsch und Tratsch nicht ausgeht. Schmieröl ihrer sozialen Beziehungen.

Die Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras hat sich längst zur Frauenbeauftragten der Berliner Theaterszene qualifiziert. Ihre Inszenierung von Eve Enslers „Vagina-Monologen“ wurde zum Renner, mit postfeministischen Augenzwinkern und vielen Stargästen stimmte sie das Lied von der sexuellen Befreiung der Frau an. Nachdem die Pussy-Power verkündet wurde, startet Adriana Altaras jetzt eine Tussi-Offensive. Am Maxim Gorki Theater , wo man dringend einen Publikumserfolg benötigt, dachte man: Dame ist Trumpf. Aus „The Women“ wurden hier „Damen der Gesellschaft“, inszeniert mit einer illustren Schwesternschaft.

Das Stück von Clare Boothe Luce wurde berühmt durch die Verfilmung von George Cukor – ein Stafettenlauf von Hollywood-Stars wie Norma Shearer, Joan Crawford und Rosalind Russell. Als der Film vor einigen Jahren in den Kinos lief, konnte man sich auch deshalb so köstlich amüsieren, weil man sich in dem Glauben wähnte, diese finstere Epoche läge längst hinter uns. Freut Euch nicht zu früh, Schwestern, ruft uns Adriana Altaras zu. Mit „Damen der Gesellschaft“ inszeniert sie das Stück zum gesellschaftlichen Back-Lash – mit einem prominenten Aufgebot: Katja Riemann spielt hübsch-trotzig die Ehefrau, die einer harten Prüfung unterzogen wird. Ihre besten Freundinnen Margarita Broich, Desirée Nick, Cora Frost, Ursula Werner und andere futtern, tratschen und lästern nach Herzenslust und werfen sich Gemeinheiten an die wohlfrisierten Köpfe.

Clare Boothe Luce war Karrierefrau und gesellschaftliche Aufsteigerin. Die uneheliche Tochter eines Revuegirls durchlief eine beispiellose Karriere: Sie war Journalistin, Autorin, Kriegsberichterstatterin und nach dem Zweiten Weltkrieg die erste US-Botschafterin. Selbst eine schillernde Dame der Gesellschaft, kannte sie das Upper-Class-Milieu, über das sie schreibt. Und sie kannte die yellow press, liefert in „The Women“ so etwas wie die Anatomie eines Skandals. Keine Würstelverkäuferin oder Barfrau, nein, eine Parfümverkäuferin ist es, die sich den gutverdienenden Ehemann krallt. Ihr Kapital: Sie ist jünger als die Gattin.

Adriana Altaras scheint angetreten zu sein, um zu beweisen: Frauen sind komisch, Frauen sind vor allem auch in der Lage, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Ihnen bleibt auch nichts anderes übrig! So ein Frauenleben ist ohne Humor gar nicht auszuhalten, bringt es Margarita Broich als ächzendes Muttertier auf den Punkt. Die Strapazen, mit denen es die Luxusweibchen zu tun haben, werden drastisch-komisch vorgeführt. Schauplätze sind Luxusvilla, Modeboutique, Schönheitssalon Udo Walz und Damentoilette. Und ist es nicht Arbeit, das eigene Aussehen auf jugendlich zu trimmen, die Verführerinnen-Praktiken zu perfektionieren? Das Leben als Frau ist ein ständiger Kampf – mit sich selbst und mit anderen Frauen.

Deine Freundinnen sind deine ärgsten Feindinnen – damit munitioniert sich das Stück. Die Darstellerinnen treten an in der schwierigen Disziplin des Damenwitzes: sie sind nicht zimperlich, kokettieren mit der eigenen Dämlichkeit und sind auch schon mal schockierend schamlos. Vorsicht Zickenalarm: Kalt, berechnend, verlogen, geschwätzig, hinterhältig, hysterisch oder einfach nur blöd sind diese Frauen. Die Schauspielerinnen machen sich einen Spaß daraus, das Luder, die alte Schachtel, das Bambi oder den Trampel zu geben. Ein homogenes Zusammenspiel kommt so nicht zustande. Die Bereitschaft, die eigene Eitelkeit zu vergessen und sich bis an die Lächerlichkeitsgrenze zu feminisieren, fällt sehr unterschiedlich aus. An entfesselter Weiblichkeit kann es keine mit Desirée Nick aufnehmen: sie ist als Anführerin der weiblichen Witzbrigade eine umwerfende Quasselstrippe, sehr sehenswert ist auch ihre Sexgymnastik-Nummer. Rosa Enskat glänzt als Allround-Komikerin. Ursula Werner als Gräfin de Lage ist eine hinreißend aufgetakelte Fregatte.

Doch die Regisseurin wirkt unentschieden. Die von Udo Walz coiffeuristisch betreute Inszenierung bürstet sie auf haarsträubende Komik. Sie versucht, Dampf zu machen, doch die Inszenierung verzappelt sich zwischen dem Ehebewahrungs-Boulevard und tuntigem Trash. Der Versuch, das Stück auf die Berliner Gesellschaft zu übertragen, wirkt an den Haaren herbeigezogen. Die Übersetzung ins Heute gibt der Regisseurin immerhin die Lizenz, ordinärer und geschmackloser zu sein, als Cukor es wagte. Doch in „Veronas Welt“ ist sie nicht angekommen.

Zweieinhalb Stunden frisieren die Frauen ihre Marktwertanalyse, erproben sie Strategien, wie man sich einen Big Spender schnappt oder wie man einen Goldfisch aus den Klauen einer anderen Raubkatze befreit. Das geht am Ende auf die Nerven. Zudem hinkt der Damenwitz mit seinen kalkulierten Bosheiten den gesellschaftlichen Verhältnissen hinterher. Am Ende gab es Applaus für die tollen Schauspielerinnen. Und auch laute Buhs – ausschließlich von Männern.

Nächste Vorstellungen: 20., 21. und 30. 3.

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