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Mörderische Glasplatten und heilige Schweißflecken: die Ausstellung „Das Atmen der Stadt“ im Haus am Waldsee

Michael Zajonz

Wer kennt sie nicht, diese unbändige Lust, nachts in fremde Fenster zu schauen? Der in Berlin lebende Künstler Matten Vogel filmte die hell erleuchteten Fenster eines Wohnhochhauses aus 100 Metern Entfernung. Auch die kleinen verwaschenen Standbilder seines Films, die er in der Serie „Privat“ zusammengestellt hat, leben von diesem voyeuristischen Reiz. Fasziniert starrt man in sonst unerreichbare Parallelwelten. Die Unschärfe des Blicks zwingt den Betrachter unweigerlich in eine an Paul Austers Romanhelden erinnernde Agentenperspektive hinein.

Vier von Vogels aschfahlen Abwesenheitsprotokollen hängen nun auf blutrotem Grund inmitten der Ausstellung „Das Atmen der Stadt. Urbane Seismographien in Kunst und Architektur“ im Zehlendorfer Haus am Waldsee. Die Kuratoren Andreas Seltzer und Heike Vogler – beide auch als Künstler mit je einer Arbeit vertreten – stellen die im Kunstbetrieb gern überstrapazierten Themen Stadt und Urbanität vom soziologisch brummenden Kopf zurück auf die Füße: Die Motive des Gehens, Sehens, Hörens ziehen sich wie heimliche Hauptstraßen durch ihre kluge Szenografie der zumeist neueren Werke von 30 Künstlern.

Die impressionistische Wahrnehmung des Flaneurs alter Schule hat freilich ausgedient. Die meisten Arbeiten gehen die urbanen Erfahrungsräume und Spielwiesen systematisch an, oft mit der Attitüde statistischer Beweiskraft. Neben den akribisch auf Millimeterpapier gestrichelten „Erhebungen“ K.P. Brehmers aus den Siebzigerjahren stehen Wetterkurven aus dem Meteorologischen Institut der FU. Josef Heinrich Grebings traumschöne und doch wundersam real wirkende Vogelschau „Roma, Stadt Gottes“ aus der Sammlung Prinzhorn korrespondiert nicht nur formal trefflich mit einem Stadtplan Tokios aus dem 19. Jahrhundert. Katharina Meldner dokumentiert in ihrem „Amseltagebuch“ schriftlich und filmisch den Morgengesang zweier Amseln über drei Jahre hinweg. Eine Poetik der zarten Töne.

Der Künstler als Seismograf gesellschaftlicher Befindlichkeiten verkehrt einen Uralt-Topos in sein Gegenteil: den vom Künstler als Medium göttlicher Offenbarung. Transzendenz scheint sich – wenn überhaupt – gegen das wissenschaftliche Weltbild der Moderne nur noch ironisch herzustellen. Etwa in Carl Langes „Heiligem Schweißwunder“ (Sammlung Prinzhorn), das sich im Jahre 1898 auf der Einlegesohle seines Hausschuhs abgespielt haben soll. Seine filigranen Zeichnungen stehen für jene Art von traumwandlerischem Positionswechsel, der auch in mehreren kartografischen Arbeiten anklingt. Etwa in den „Seelenplänen“ Torsten Obermanns oder den aus dem Kopf gezeichneten Nahverkehrskarten von Matthias Hintzen – beides Autodidakten und „obsessive Kritzler“.

Überhaupt zeigen Setzer und Vogler wenig Angst vor künstlerischen Gattungsgrenzen, wenn es darum geht zu zeigen, dass sie ihren Foucault gelesen haben. Zu den Merkwürdigkeiten anonymer Herkunft gesellen sich die Exponate zweier polizeihistorischer Sammlungen. Blutfleck auf Glasplatte, Hausbesetzung im Modellformat – da mag sich kein rechtes Entsetzen mehr einstellen. Für das sorgt Francis Zeischegg mit ihrem „Jagdschutzholzstapel zur Beobachtung von Wilderern“ im Garten. Was jeder Kleingartensparte zur Zierde gereichen würde, diente in der DDR der Observierung von „Republikflüchtlingen“.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 3. August, Di bis So 12-20 Uhr.

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