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So wenig Platz, so viel Geschichte: Ein opulenter Inventarband versammelt die Baudenkmale von Berlin-Mitte

Helmut Caspar

Bauwerke aus acht Jahrhunderten sind im Berliner Bezirk Mitte versammelt, ein Schatz, den nicht einmal Ortsansässige so recht kennen. Was ungeachtet der großen Verluste durch Bombengangriffe, aber auch durch Neubau und Modernisierung bis heute erhalten blieb, listet der Prachtband „Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte – Ortsteil Mitte“ auf. Er erschien soeben in der Schriftenreihe „Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland“ und macht ausführlich mit etwa 700 historischen Bauten und Ensembles in der ehemaligen Doppelstadt Berlin-Cölln bekannt.

Im Unterschied zu anderen, traditionell nach Sakral-, Staats-, Privat-, Verkehrs- und sonstigen Bauten gegliederten Inventarbänden wird der Leser zu einem Spaziergang durch größere städtebauliche Einheiten eingeladen. Die Rundgänge sind in sich wiederum chronologisch gegliedert, so dass die gewaltigen Unterschiede zwischen den historischen „Schichten“ Berlins deutlich vor Augen treten – wie auch die bekannte Tatsache, dass das Gesicht Berlins vor allem im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geformt wurde. Gerade in Mitte überlagern sich diese Schichten, so dass das Kapitel zu den baulichen Zeugnissen der DDR-Zeit zugleich von den Verlusten der vorangehenden Epochen berichten muss. Eine dem Buch beigelegte Denkmalkarte hilft bei der Orientierung, und eine umfangreiche Einleitung macht mit der Stadt-, Bau- und Kunstgeschichte Berlins bekannt. Sie zeigt auch, was die Stadt im Laufe der Jahrhunderte verloren hat. Die offizielle Landesdenkmalliste rundet das gewichtige Werk ab.

Landeskonservator Jörg Haspel zufolge bringt die Denkmaltopographie für Eigentümer, Bauherren und Investoren, Architekten und Stadtplaner mehr Klarheit über den Denkmalbestand und damit auch mehr Planungssicherheit. Für Haspel wäre ein wichtiges Ziel der Publikation erreicht, wenn es bei Politikern und Investoren, aber auch Normalberlinern den Sinn für steinerne Werte schärfen und ihre Bereitschaft stärken würde, sich auch finanziell zu engagieren. Denn im Zeitalter knapper öffentlicher Kassen sind Denkmale fast nur noch durch private Initiativen zu retten. Das durch seine ausführlichen Beschreibungen häufig mit ganz neuen bauhistorischen Erkenntnissen und seine hervorragenden Fotos bestechende Buch setzt Maßstäbe. Angekündigt sind für die kommenden zwei Jahre ähnlich opulente Bände über den Denkmalbestand im ehemals bedeutenden Industriestandort Schöneweide sowie in Wedding, Tiergarten, Schöneberg und Wilmersdorf.

Landesdemkmalamt Berlin (Hrsg.): Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte – Ortsteil Mitte. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2003, 704 S., 665 Abb., 49,80 €.

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