Kultur : Gib und erhalte den Frieden der Welt

BORIS KEHRMANN

Barenboim dirigiert Webers Kantate "Kampf und Sieg" in der PhilharmonieVON BORIS KEHRMANN700 000 Soldaten hatte Napoleon in den Krieg gegen Russland geführt.Eine halbe Million kam dabei um.Nur die wenigsten seien Franzosen gewesen, rechtfertigte sich der Kaiser wahrheitsgemäß.In den im Zuge der gewaltigen Rüstungsanstrengungen ausgeplünderten Ländern las man unterdes schockierende Augenzeugenberichte vom Rückzug der Grande Armée: "Leichen auf Leichen getürmt, an einigen Stellen so hoch, daß sie bis an die Fenster des zweiten Stockwerks ragten." Entsprechend groß war die Erleichterung, als der Druck von den erpressten Völkern genommen, der Feind bei Waterloo "vernichtet" worden war.Carl Maria von Weber komponierte seine Kantate "Kampf und Sieg" nach eigenem Bekunden als Dokument, um die Hörer "in künftiger Zeit (...) gleichsam jene vergangene Epoche in gedrängtem Überblicke nochmals durchleben lassen zu können".Sie entwirft im Hin- und Herwogen der durch ihre authentischen Märsche und Feldsignale kenntlich gemachten Regimenter ein anschauliches musikalisches Schlachtengemälde, nicht unähnlich Beethovens "Schlacht bei Vittoria", und stellt es in eine halb allegorische, halb realistische Rahmenerzählung.Völker-Chöre und Soli personifizieren hier die christlichen Tugenden der Glaube, Liebe, Hoffnung sowie die nationalen der Eintracht und Brüderlichkeit. "Herr Gott! Dich loben wir.Gib und erhalte den Frieden der Welt." Die letzten Worte der Kantate bohrten sich als Vermächtnis nachdrücklich ein.Was 1815 unter deutschem Wesen verstanden wurde, machten sie unmißverständlich klar.Insofern gaben sie eine deutliche Antwort auf die Frage nach dem, "was deutsch und echt", der sich die diesjährigen Festtage der Lindenoper widmen.Aber auch musikalisch war die Ausgrabung, die Daniel Barenboim mit Staatskapelle, Solisten und Chor der Staatsoper in der Philharmonie gewagt und in Bestform präsentiert hatte, eine wertvolle Ergänzung des Festtags-Repertoires.Die wichtigsten Elemente der "Freischütz"-Partitur sah man sechs Jahre vor dessen Komposition hier schon beisammen.Damit rückte sie Webers Meisterwerk in eine historische Perspektive.Man begegnete einem "Freischütz" in nuce und machte die erstaunliche Erfahrung, daß sich der Komponist selbst dort, wo er sich dem Genre patriotischer Trivialmusik verschrieb, seine angeborene Grazie bewahrte. Diese aus Anmut und heißem Bekenntnisdrang geformte Ausdruckshaltung einer spezifischen Romantik verfolgte Yo Yo Ma in seiner kongenialen Vergegenwärtigung des Robert Schumannschen Cello-Konzerts weiter.Mit dem souverän gegliederten, gesteigerten und mit brillanten Theatereffekten szenische Plastizität gewinnenden musikalischen Roman der dritten Leonoren-Ouvertüre Beethovens schlug Daniel Barenboim den Bogen eindrucksvoll zurück zur Erzählhaltung der Weberschen Kantate.

0 Kommentare

Neuester Kommentar