Gidon Kremer feiert seinen 70. : Ein Virtuose noch immer

Gidon Kremer feiert seinen 70. Geburtstag mit seiner Kremerata Baltica in der Philharmonie – und mit Martha Argerich.

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Gidon Kremer
Gidon KremerFoto: dpa

An diesem Abend stürmen die Berliner quasi die Philharmonie, in Vorfreude darüber, dass Gidon Kremer, der gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, gemeinsam mit Martha Argerich und der 1997 von ihm gegründeten, daher ebenfalls in Feierlaune befindlichen Kremerata Baltica ein Festkonzert gibt: Selten so lange Schlangen an den Kassen gesehen, selten so viele verzweifelte Wünsche nach Restkarten. Und als der Meister auftritt, gleich nach Erklingen der wunderbar schönen zweiten Sinfonietta von Mieczyslaw Weinberg, die das exzellente Orchester ohne Dirigent spielt (dafür mit rauchigem Timbre und tiefer Freude an der Motorik des Eingangssatzes), da atmen viele Zuhörende vernehmlich ein: Da ist er also, in einem langen, arztkittelartigen Hemd, ein Doktor des Betriebs, der sofort weiß, wo er tasten muss, um die Seele der Musik zu finden, ein Virtuose noch immer.

Tortensüß und cymbalfein

Der jetzt mit dem Orchester Victor Kissines Bearbeitung von Schuberts Fantasie C-Dur spielt. Und Kissine lässt das Ensemble recht wienerisch klingen – all die Tremoli in den Geigen, die Triller in den Celli! Bald tönt’s nach Zitteraal in der Hofreitschule, bald einfach nur noch tortensüß. Über all dem aber erhebt sich cymbalfein Kremers Violine, reißt er mitunter den Bogen über die Saiten, als habe er auf einmal schlechte Laune. Hat er? Nein, es ist ja nur seine Art, Musik zu fühlen, Artikulation höher zu stellen als Timbreschönheit. Die Lässigkeit wird bleiben. Die Unterschiede in der Sorgfalt auch. Jetzt kommt, nicht weniger lässig, die Pianistin Martha Argerich hinzu, die wiederum im Sommer ihren 75. Geburtstag feierte. „Nun hat sie das Alter, der schleichende Dieb, mit den knöchernen Klauen umspannt“, schreibt Shakespeare, aber er meinte natürlich nicht diese beiden Superstars des Klassikbetriebs.

Man könnte länger darüber nachdenken, woran genau es liegt, dass sie in Schumanns erster Sonate so wenig zusammenfinden. Timbres und Phrasierungen sind nicht gut abgestimmt. Das Klavier ertränkt die Geige, man wurschtelt sich so durch. Besser gelingen Passagen wie die innige Kadenz im Andantino der Mozart-Doppelkonzertbearbeitung – und natürlich Kreislers „Liebesleid“, eine aufrichtig sentimentale Musik, ein rarer Moment von Stimmigkeit an diesem Abend, dem dankbaren Berliner Publikum als Zugabe gespielt.

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