Kultur : Gier auf Neues

Kunstbibliothek: Berliner Fotos aus Weimarer Zeit

Bernhard Schulz

In den Jahren der Weimarer Republik eroberte die Fotografie ihren Rang als die einzig wirklichkeitsgemäße Gattung. Malerei und Zeichnung hatten ausgedient; doch ebenso die „piktoralistische“ Fotografie der Kaiserzeit. „Es kommt der neue Fotograf“, hieß eines der programmatischen Bücher dieser Zeit. Überhaupt wurde unendlich viel an Fotografie publiziert, in Buchform, vor allem aber in Gestalt der illustrierten Zeitungsbeilagen.

Der künstlerischen Fotografie dieser Zeit widmet die Kunstbibliothek nun eine Ausstellung mit dem Titel „Neues Sehen in Berlin“. In der knappen Spanne zwischen 1929 und 1932 wurden alle hier ausgestellten 114 Fotografien vom damaligen Leiter der Kunstbibliothek, Curt Glaser, zumeist aus Ausstellungen und insbesondere aus der legendären „Film und Foto“-Wanderschau des Deutschen Werkbunds von 1929 erworben. Es sind Klassiker der Fotokunst. Da sind vor allem diejenigen, die die neusachliche Auffassung an Gegenständen des Alltags zeigen, etwa von Hans Finsler, André Kertész, Florence Henri oder Albert Renger-Patzsch. Letzterer machte mit seinem Buch „Die Welt ist schön“ Furore, in dem er 100 Gegenstände nebeneinander stellte. Zudem nahm er sich der vermeintlich hässlichen Industrielandschaften des Ruhrgebiets in streng komponierten Ansichten an. Karl Blossfeldt hingegen ist lediglich mit seinem berühmtem Buch „Urformen der Kunst“, doch nicht mit Abzügen seiner Nahaufnahmen aus der Pflanzenwelt vertreten – vielleicht weil sein Nachlass an der UdK bewahrt wird. Schließlich gab es den weiten Bereich des Experiments, mit Fotogrammen – Belichtungen ohne Kamera – von Alice Lex-Nerlinger oder László Moholy-Nagy. Für das „typische“ Portrait steht Helmar Lerski. Erstaunlicherweise hat Glaser kein einziges Foto von August Sander angekauft, obwohl die Veröffentlichung „Antlitz der Zeit“ mit dem Vorwort Alfred Döblins 1929 Furore machte.

In der Ausstellung nur in Gestalt von Büchern und Katalogen angerissen, im vorzüglichen Bestandskatalog aber breit ausgeführt ist das Kapitel der Fotografie-Ausstellungen in Berlin 1924 bis 1933. Im Grunde reduziert sich die Zeitspanne auf die Jahre ab 1927, mit dem Höhepunkt des Jahres 1929. In diese kurze, pulsierende Zeit fällt eine Unmenge an Publikationen, so viele, dass der Markt schließlich übersättigt war mit Stadt-Reportagen – etwa der Serie aus dem Albertus-Verlag, von Paris über Moskau bis Peking. Es war eine Zeit voller Neugier und Wagemut – so schnell vorbei und gründlich zerstört, als die Nazis an die Macht kamen.

Kunstbibliothek, Kunstforum am Matthäikirchplatz, bis 20. November. Di–Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr. Katalog 39,90 €.

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