Kultur : Gier ist gut?!

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LESEZIMMER

Kurt Scheel über den ruchlosen FilmKapitalismus und wie man ihn genießt

Vor einigen Wochen lief der Film „Das Geld anderer Leute“ im Fernsehen, den außer mir kaum jemand kennt, obwohl er zwei veritable Stars präsentiert und von Norman Jewison ist, der sehr gute und sehr erfolgreiche Filme gedreht hat wie „Cincinnati Kid“, „In der Hitze der Nacht“ oder „Thomas Crown ist nicht zu fassen“. Als der Film 1992 bei uns in die Kinos kam, floppte er, und auch die jetzige TV-Ausstrahlung hat – jedenfalls in meinem Bekanntenkreis – nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden.

Das hat einen guten Grund: Die Botschaft schmeckt uns nicht. Denn „Other People’s Money“ schildert, wie ein neoliberaler Börsenhai eine gute alte neuenglische Kabelfirma aufkaufen will, gegen den Willen des paternalistischen Managements und völlig desinteressiert am Los der Arbeiter. Denn es ist klar: Nach der feindlichen Übernahme soll das Unternehmen zerschlagen und mit Profit verscherbelt werden – die Belegschaft wird dann naturgemäß in die Arbeitslosigkeit entlassen. Die Schlüsselszene ist die Aktionärsversammlung. Gregory Peck hält eine wunderbare Rede, ein leidenschaftliches Plädoyer für die ethische Überlegenheit einer Firma, in der Profit nicht das ein und alles ist und wo sich in jahrzehntelanger Verbundenheit zwischen Management und Belegschaft ein Bewusstsein gebildet habe, dass es zuerst auf den Menschen ankomme. Man müsse ein wenig rationalisieren, und wenn die Wechselkurse wieder günstiger würden, dann... Standing Ovations der Aktionäre, es ist die capraeskeste Szene seit Capra, und selbst ein hartgesottener Geselle wie ich hat mit den Tränen zu kämpfen.

Und dann betritt „Larry der Liquidator“, der grandiose Danny DeVito, das Podium, ein fetter Zwerg, unter Buhrufen ergreift er das Mikrofon und hält eine „Gier-ist-gut“-Rede: Es sei verrückt, sich an überholte Firmen und Produkte zu klammern, und wenn die Aktionäre vorhätten, einen sterbenden Wirtschaftszweig weiterhin zu subventionieren und statt eines schnellen Endes, an dem man verdienen könne, lieber ein quälend-langes wünschten, in dem ihr Kapital verschleudert würde, so sei das natürlich ihre eigene freie Entscheidung, aber: „Es hat auch mal Dutzende Unternehmen gegeben, die Kutscherpeitschen produziert haben, und ich wette, die letzte Firma auf dem Markt ist diejenige gewesen, die die besten Peitschen hergestellt hat, die es jemals gab“ – doch heute brauche man Glasfaserkabel, keine Kupferkabel!

Larry gewinnt die Abstimmung, und selbst ein sentimentaler Geselle wie ich, der gegen Sozialabbau und Ellbogenkapitalismus ist, muss verblüfft feststellen, dass Larry Recht hat. Das ist eine sehr unangenehme Situation! Und ich erinnere mich nicht, in einem Hollywoodfilm jemals eine solche Botschaft bekommen zu haben. Denn die Filmindustrie, eine der wichtigsten und kapitalistischsten Industrien überhaupt, vertritt in ihren Produkten, die sich mit Wirtschaft beschäftigen, in aller Regel eine kapitalismuskritische Position: Man ist gegen Globalisierung und die Börse, praktisch wie Attac.

Am eindringlichsten schildert das „Wall Street“ (1987) von Oliver Stone mit Michael Douglas als fieser Firmenzerschlager Gordon Gekko und Charlie Sheen als ehrgeiziger junger Börsenmakler. Gier ist gut, „die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie – ich schaffe nichts, ich besitze“: Die berühmte Rede Gekkos fasziniert den jungen Mann, und folgerichtig hält er seinem altmodischen Vater, Arbeiter und Betriebsrat einer Flugzeugfirma, vor: „Es ist nichts Ehrenvolles mehr, arm zu sein.“ Damit ist er bei uns Arbeitern und Betriebsräten im Publikum aber an die falsche Adresse geraten, und folgerichtig muss er für den Bruch der ersten Regel des filmischen Populismus – die Armen sind gut, die Reichen böse – teuer bezahlen. Aber vorher dürfen wir die Wonnen des schrankenlosen Kapitalismus genießen, unter anderem in Gestalt der langbeinigen Daryl Hannah. Erst als Gekko die Firma des Vaters in den Ruin zu treiben versucht, besinnt sich der junge Mann und begreift: Geld (und tabuloser Sex) ist nicht alles – es gibt auch noch Familienwerte. Er lässt Gekkos Betrügereien auffliegen, auch wenn er dafür selber in den Knast muss. In einer rührend-reuigen Schlussszene erklärt ihm die Mutter, er habe das Richtige gegen einen von Menschlichkeit unbeleckten Kapitalismus getan.

„Caring Capitalism“ gegen ruchlosen Turbokapitalismus: Das ist die vertraute Hollywoodformel – wir können unsere Empörung über plutokratische Korruption genießen und gleichzeitig den schönen Schein, die Raubtier- und Glitzerwelt von Wall Street und Manhattan verabscheuen und zugleich in ihr schwelgen. Gegen diese klassische Devise verstößt „Das Geld anderer Leute“: ein guter Film, aber natürlich kein erfolgreicher, denn das Publikum ist konservativer als Hollywood.

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