Kultur : Gier nach Glück

Frankreichs neuer Tanzstar: Nasser Martin-Goussets Cleopatra-Remake „Péplum“ im Radialsystem

Sandra Luzina

Was für ein Triumph! Die Vorstellungen im Pariser Théâtre de la Ville waren alle ausverkauft, als Nasser Martin-Gousset sein neues Stück „Péplum“ zeigte, die Zuschauer tobten vor Begeisterung. Überall begegnete man Plakaten mit dem Konterfei des Choreografen. Paris hat sich stürmisch verliebt in den lässigen Rebellen, der alles andere als ein Newcomer ist.

Im Radialsystem hängt Nasser Martin-Gousset zu Beginn der Aufführung selbst Plakate auf – ein ironischer Hinweis auf den frisch erworbenen Ruhm. Auch vom Berliner Publikum wird er begeistert gefeiert, schließlich hat man sehnsüchtig auf seine Rückkehr gewartet. Erinnern wir uns: Anfang der Neunziger konnte man ihn als widerspenstigen Partner von Sasha Waltz in der hinreißenden „Travelogue-Trilogie“ bewundern – unvergesslich die Verführungsszene auf dem Küchentisch oder die Badezimmerschlacht mit dem Wet-T-Shirt-Appeal. Der Sohn eines ägyptischen Vaters und einer korsischen Mutter strahlt eine lasziv-jungenhafte Sinnlichkeit aus. Er ist ein männliche Diva – und zugleich ein irrwitziger Komiker. Einfach unwiderstehlich.

Auf eigenwillige Weise rückt Nasser Martin-Gousset nun in seinen wilden Bühnen-Performances den unzerstörbaren Popmythen auf den Leib – dabei bewegt er sich auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Camp. In „Péplum“ – Französisch für: Sandalenfilm à la Hollywood – dreht sich alles um die unsterblichen Mythen von Ruhm und Glamour, Macht und Liebe. Im Mittelpunkt steht ein mythisch-cineastisches Paar: Nasser Martin-Gousset verschränkt die gefährliche Liaison von Kleopatra und Marc Anton mit der stürmischen Liebesgeschichte von Liz Taylor und Richard Burton. Die beiden Stars haben sich 1963 bei den Dreharbeiten zu dem Monumentalfilm „Cleopatra“ von Joseph L. Mankiewicz ineinander verliebt. Der Hollywood-Schinken war einer der teuersten Flops der Filmgeschichte, und auch das Liebespaar Taylor/Burton ist – trotz dreier Eheschließungen – gescheitert. Wie böse es mit Kleopatra und Marc Anton endete, weiß man. Sie hatten ein ganzes Imperium gegen sich.

Auf der Bühne stirbt ein dicker Tänzer mit dramatischem Liz-Kleopatra-Makeup einen wollüstigen Tod – während eine echte Schlange über ihm züngelt. Er tänzelte zuvor als Fettwanst in kurzer Toga durch den Abend, als wäre er Fellinis „Satyricon“ entsprungen. Er verschlingt mit ungezügelter Gier Trauben, unterjocht schöne Jünglinge als Liebessklaven, raucht zwei Zigaretten auf einmal – ein wahnsinniger Nero.

„Péplum“ ist eine wilde Bilderorgie. Ein Delirium der Körper. Die Tänzer proben den Exzess: Sie tanzen fiebrig dem Untergang entgegen, liefern sich letzte Liebesschlachten, rennen gegen die Wand, angetrieben von den kraftvollen Klängen einer dreiköpfigen Rockband. Ein dekadentes Treiben bis zur völligen Erschöpfung. Im Zentrum des choreografierten Tumults, wie eine verglühende Sonne: Nasser Martin-Gousset. Ein cooler Hund, mit Glitzerhalsband und nacktem Oberkörper, der die Frauen zu Fall bringt und auch die Jungs betört. Und ein unglaublicher Tänzer.

Raffiniert, wie die verschiedenen Ebenen sich in „Péplum“ überlagern und durchdringen. Filmdialoge aus „Cleopatra“ und Auszüge aus dem bombastischen Soundtrack bilden eine eigene Tonspur. Der Film entsteht im Kopf des Zuschauers. Das „Making of“ zeigt ein strahlendes Paar – und beschwört den verblichenen Hollywood-Glamour.

Martin-Gousset gelingen Szenen zwischen pompöser Lächerlichkeit und wilder Liebesgier. Die Tänzer wissen den glamourösen Filmzitaten eine ungestüme Emotionalität abzugewinnen. Am Ende schlüpft der Choreograf in die Rolle des Regisseurs und dreht sein eigenes Video: Die reglos am Boden liegenden, umschlungenen Körper sehen aus, als hätte man sie nach sorgfältigen Ausgrabungsarbeiten freigelegt. Ein Fries der versteinerten Leidenschaften. Martin Gousset gelingt eine Archäologie der Gefühle, er packt die Zuschauer bei ihren verschütteten Sehnsüchten.

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