Kultur : Gierschlund mit Gemüt

Der französische Marlon Brando: Das Kino Arsenal zeigt eine Gerard-Depardieu-Retrospektive. Es scheint, als würde er letztlich immer zu spät kommen.

Von Daniela Sannwald
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Immer der Nase nach. Gerard Depardieu mit aufgeklebtem Riechorgan als „Cyrano von Bergerac“. Bis heute drehte er mehr als 170...

Es scheint, als sei sein Körper zu groß für ihn. Gerard Depardieu, mitunter als europäisches Pendant zu Marlon Brando bezeichnet, hat wie dieser gute Chancen, seinen Leibesumfang über jedes zuträgliche Maß hinaus zu erweitern. Aber wenn der massige, stiernackige Mann gestikuliert, dann kann das fein und sensibel wirken oder auch unerwartet beweglich. Als Depardieu vor drei Jahren beim Filmfestival in Istanbul zu Gast war, füllte er den Festsaal der französischen Botschaft quasi allein aus. Er verfügt nicht nur über eine massive körperliche Präsenz, sondern auch über eine Aura, die ihrerseits raumgreifend ist.

Wahrscheinlich ist es der Widerspruch zwischen Depardieus Physis und dem sanften Gemüt, das seine Figuren in einigen Filmen charakterisiert, was seine Starqualitäten ausmacht und Frauen, die auf Mannsbilder stehen, zum Schwärmen bringt. In einer seiner besten Rollen ist er Haudegen und Schöngeist zugleich. 1989 besetzte ihn Jean-Paul Rappenau in der Titelrolle von „Cyrano de Bergerac“, und Depardieu bewies, was in ihm steckt: ein großer Schauspieler. Gleichermaßen elegant vermag Cyrano mit Worten und mit dem Florett umzugehen. Unerschrocken schlägt er ganze Horden seiner Feinde in die Flucht. In Furcht versetzen ihn allein die Damen. Seine große Nase verhindert, dass er sich seiner heimlichen Liebe offenbart. Die LeinwandAdaption des Dramas von Edmond Rostand ist ein Mantel-und-Degen-Film par excellence. Die Schwierigkeit bestand darin, bei aller körperlicher Aktion auch noch in Versen zu sprechen. Ganz mühelos beherrscht Depardieu die Rolle. Seine Erfahrungen, die er als junger Theaterschauspieler machen konnte, kommen ihm dabei zugute.

Aufgefallen ist der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Darsteller als jugendlicher Tunichtgut zuerst in Bertrand Bliers Debüt „Die Ausgebufften“ (1974), der seinem eigenen bisherigen Leben ziemlich nahekam, wie er später erzählte. Wild, ungebärdig, grob und misogyn präsentieren sich Depardieu und sein Partner Patrick Dewaere. Sie sind Kleinkriminelle, Raufbolde, Vergewaltiger, angetrieben von der Gier nach immer neuen Reizen. Sie probieren jede Menge Spielarten der Sexualität aus, ihre Schamlosigkeit wird von einer zudringlichen Kamera verstärkt. „Die Ausgebufften“ wurden als Provokation aufgefasst, selbst im sexbesessenen französischen Kino der siebziger Jahre.

Damals war Depardieu breitschultrig und schmalhüftig, wirkte geschmeidig in den körpernahen Outfits der Zeit. Merkwürdig zeitlos hingegen ist sein immer gleicher Haarschnitt, eine Ponyfrisur, mal kürzer, mal länger, die er selbst noch, leicht gelockt, in historischen Rollen beibehielt. Wenn er als Danton in Andrzej Wajdas gleichnamigem Film von 1982 seine gepuderte Perücke aufsetzt, quillt seine natürliche Haarpracht immer noch darunter hervor. Genauso wenig kann er womöglich seine wahre Persönlichkeit unter der Rolle verstecken. Sein Danton ist ein den leiblichen Freuden frönender Gourmand, ein Gierschlund, kein Genießer, der mit der gleichen Verve über Gänsekeulen herfällt wie später als Asterix („Asterix und Obélix: Mission Kleopatra“, 2002) über Wildschweinkeulen. Kraft seiner Vitalität hat er die Sympathien des Volkes auf seiner Seite – im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Robespierre, einem schmallippigen, geizigen Asketen.

Ganz anders ist ein Film von Marguerite Duras, in dem Depardieu plötzlich leise, zurückhaltend, fast ehrfürchtig, den Reflexionen der älteren Frau folgt und nur als Stichwortgeber fungiert. „Der Lastwagen“ (1977) ist ein Film über ein Filmprojekt, das Duras vor ihm entwickelt. Es geht darin um einen Lastwagenfahrer und eine Anhalterin, die durch die winterliche, öde Provinz fahren. Zwischen die Monologe der Duras und Depardieus gelegentliche Repliken sind Aufnahmen aus einem fahrenden Lkw geschnitten. Man sieht winterliche Felder, trostlose Ortschaften, monströse Wohnhaussiedlungen, und man lauscht wie Depardieu den Ausführungen der Duras. „Ist es ein Film über die Liebe?“, fragt Depardieu einmal, und Duras sagt: „Ja, über die Liebe“. Gerade die Zurückhaltung des Schauspielers, den man sich sofort als Fahrer dieses Lkw vorstellt, trägt dazu bei, dass man die Bilder und Szenen, die Duras entwirft, vor sich sieht. Und man entdeckt plötzlich, dass Depardieu auch eine intellektuelle Seite hat.

Letztes Jahr feierte Gerard Depardieu seinen 60. Geburtstag. Er besitzt ein Restaurant und hat sich als Winzer einen Namen gemacht. Allein sechs Filme mit ihm kommen im Jahr 2009 zumindest in Frankreich in die Kinos, drei weitere sind in Vorbereitung. Gerard Depardieu sprüht also immer noch vor Vitalität und Schaffenskraft. Seit seinen Anfängen in den siebziger Jahren hat er mehr als 170 Filme gedreht. Die vielen Facetten des Schauspielers kann man jetzt in einer kleinen Auswahl im Arsenal entdecken.

Kino Arsenal, bis 31. März, Programm unter www.arsenal-berlin.de

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