Kultur : Gipfel der Galanterie

Paparazzo mit dem Pinsel: London ehrt Joshua Reynolds, den Maler der Mächtigen, Reichen und Berühmten

Nicola Kuhn

Was für eine Szene: Gedankenvoll blickt die junge Frau zur Seite. In der Hand hält sie eine Perle, die sie im nächsten Moment in ihren Weinkelch fallen lassen wird, um den Cocktail anschließend genussvoll zu trinken. Von Kleopatra, dem legendären Luxusgeschöpf, ist diese Begebenheit bei einem Festmahl mit dem römischen Imperator Antonius überliefert. Aber was für eine Anmaßung: Die ägyptische Herrscherin trägt die Züge einer stadtbekannten englischen Kurtisane.

Sir Joshua Reynolds’ Porträt von Kitty Fischer als Kleopatra stammt aus dem Jahr 1759. Zu Reynolds’ Zeit (1723 bis 1792) dürfte es zugleich als Skandalstück und als Meisterwerk goutiert worden sein. Der berühmteste britische Maler des 18. Jahrhunderts malt die berühmteste Edelprostituierte Londons. Das Bild mehrte ihren Ruhm und befeuerte die damals ohnehin herrschende „Fishermania“: Die schöne Mätresse war ein beliebtes Klatschobjekt; die Zeitungen widmeten ihr regelmäßig Artikel. Die Legende will es, dass sie – ganz im Stil einer modernen Kleopatra – ein Butterbrot, belegt mit einer Hundert-Pfund-Note, verspeist haben soll. Kitty Fisher, Tochter eines Seilers, wurde nicht einmal dreißig Jahre alt; was von ihr blieb, ist eben jenes Bildnis als Ägypterin.

Die Rechnung von Maler und Modell geht auch im Rückblick 250 Jahre später noch auf. Der Betrachter bewundert die Leistung des Künstlers – und wird zugleich neugierig auf die dargestellte Figur. „Joshua Reynolds – The Creation of Celebrity“ nennt sich eine großartige Schau in der Londoner Tate Britain Gallery, mit der das Museum dem Maler erstmals eine Einzelausstellung widmet. Nachdem ihn die Royal Academy vor zwanzig Jahren mit einer Retrospektive feierte, konzentriert sich die Tate Britain nun auf jenes Gebiet, auf dem der Maler am erfolgreichsten war – der Porträtkunst. Zum Ereignis aber wird die Ausstellung nicht nur durch die Zusammenstellung von rund neunzig eindrucksvollen Bildnissen aus europäischem und amerikanischem Besitz, sondern vor allem durch den frappierenden Bezug auf die Gegenwart.

Reynolds’ Vorgehensweise und die Bedingungen, unter denen er arbeitete, gleichen denen des heutigen Kunstbetriebs auf erstaunliche Weise. Darüber hinaus nehmen sich seine Bilder wie ein Reflex auf die aktuelle englische Verfasstheit aus. In den pompösen Porträts britischer Feldherren, die sich im Siebenjährigen Krieg gegen Frankreich erfolgreich schlugen, bricht sich eine Sehnsucht nach militärischen Helden Bahn, wie es sie im heutigen Europa wohl nur noch in Großbritannien gibt. Das Hauptwerk der Ausstellung, das lebensgroße Porträt des Polynesierprinzen Omai, der damals bei den Briten Unterstützung für die Rückeroberung seiner Insel gesucht hatte, zeigt in der noblen Darstellung den bis heute geltenden Wunsch nach respektvollem Umgang in einer multikulturellen Gesellschaft. Die Bildnisse von Aristokraten und Mitgliedern der königlichen Familie mit ihren aufschlussreichen Details verraten wiederum eine ungebrochene Neugierde auf das Leben am Hofe.

So erscheint George VI, Prinz von Wales, im Porträt von 1785 mit seinem zerzausten Haar und dem lässig gebundenen Brusttuch als Lebemann. Damalige Spötter behaupteten, dass er selbst von diesem Bild aus noch nach Frauen Ausschau halten würde, die ebenfalls porträtiert in seiner Nähe hingen. Ein Jahr später malte Reynolds ihn in Galauniform mit einem schwarzen Diener, der ihm beim Schließen des rot-seidenen Gürtels hilft. Lästermäuler wollten seinerzeit darin eher eine Anspielung auf das Entkleiden gesehen haben. Die Bilder bieten den Kunstgenuss, die Bildtafeln den Kitzel durch immer neue Pikanterien über Londons High Society vor 250 Jahren. Die sprichwörtliche britische Lust am Gossip ist also ebenfalls unverändert da.

Doch die Ausstellung will mehr. Sie untersucht die Rolle Reynolds’ in diesem Beziehungsgeflecht von Generälen und Geistesmenschen, Politikern und Prostituierten, Aristokraten und Akademikern. Der 1768 zum ersten Präsidenten der Royal Academy gewählte Maler verstand es, diese Menschen in seinen Bildern einerseits durch Zitate aus der Kunstgeschichte, durch Wiederholung berühmter Posen zu erhöhen. Andererseits holte er sie durch verräterische Hinweise, ja durch Lebensnähe wieder dicht an den Betrachter heran. Damit bediente er genau jene Doppelstrategie von Nähe und Ferne, durch die eine „Celebrity“ bis heute in der Öffentlichkeit funktioniert.

Natürlich gab es zu Reynolds Zeiten noch nicht den Starkult in unserem Sinne; dennoch herrschte ein enormer Bedarf an Figuren allgemeinen Interesses. Damals erschienen in London wöchentlich siebzig Zeitungen und Magazine, der Schutz des Persönlichkeitsrechts hatte noch keine Bedeutung. Eine zunehmende Rolle spielten auch die populärer werdenden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, in die auch Reynolds seine Gemälde mit ihrer eigenen Lesart einlieferte. Wer im London jener Jahre etwas gelten wollte, musste sich vom teuersten Maler der Hauptstadt porträtieren lassen, dem „Paparazzi mit dem Pinsel“, wie der Londoner „Observer“ jetzt titelte. Bereits 1765, längst nicht auf dem Höhepunkt seiner Karriere, verlangte der Künstler 150 Guineen für ein Ganzkörpergemälde.

Hinter all dem aber steckte nicht zuletzt der Wunsch nach eigener Berühmtheit. Der erste Ausstellungssaal der Tate ist deshalb Reynolds’ Selbstporträts gewidmet, die er ähnlich Rembrandt zu allen Zeiten schuf, eine PR-Maßnahme in eigener Sache. Am Beginn steht ein kleines Bild, das ihn als 24-Jährigen zeigt, der in die Zukunft blickend die Hand zur Stirn gehoben hat. Das letzte Werk zeigt den betagten Malerfürsten mit Brille. Reynolds, der Verewiger der Großen und Berühmten, war an seinem Lebensende völlig erblindet.

London, Tate Gallery, bis 18. September. Katalog 29,99 Pfund.

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