Kultur : Gipfelgespräche

Liebes Guinness-Buch der Rekorde

hiermit möchte ich gleich mehrere Superlative zur geflissentlichen Aufnahme in deine Bibel der einstweiligen Unübertrefflichkeiten anzeigen. Im Haus der Berliner Festspiele fand am Sonnabend vormittag der mit zweikommazwei Stunden kürzeste, aber auch friedlichste internationale Gipfel seit Einführung der Gipfel auf Gipfelebene statt. Oder auch, wenn man es anders sieht, das längste Vorstellungsgespräch vor interkontinentalster Prüfungskommission.

Und das kam so. Die Europäische Filmakademie hatte am Morgen der Gala zur Verleihung der Europäischen Filmpreise nicht weniger als zehn internationale Filmfestivalchefs, von Venedig bis Rotterdam, von Sundance in Amerika bis Pusan in Korea, zu einer Podiumsdiskussion "über die künftige Rolle von Filmfestivals" geladen. Jeder Gast durfte erst einmal fünf Minuten reden, wobei mancher schon nach vierdreiviertel, manch anderer aber erst nach achteinhalb Minuten fertig war. Die Anmoderation jedes Redebeitrags übernahm der neue Berliner Filmfestleiter Dieter Kosslick - und nahm sich dafür zwischen 42 und 158 Sekunden Zeit. Außerdem wurden Trailer aller beteiligten Festivals gezeigt, und anschließend gab es eine 51-minütige Diskussion. Die ganze Sache also binnen zweikommazwei Stunden: Ist das allein, liebe Guinnessler, nicht schon einen hübschen Eintrag wert?

Die Debatte war zudem die seit Gipfelgedenken harmonischste, obwohl sich der eigens engagierte Zusatzmoderator um ein wenig Streit bemühte. Zum Glück um den falschen Streit, wird man als Friedlichstkeitswerber hinzufügen dürfen - denn die wiederholten Attacken des Filmkritikers Derek Malcolm gegen den Medienrummel um die Stars zu Lasten der Filmkritik gingen ein wenig am Podium vorbei. Also rühmten die Teilnehmer unisono etwa die Rolle von Festivals als Marktbasis für den Kunstfilm - und ließen in beredtestem Schweigen jene scharfe Konkurrenz beiseite, die sie allesamt vereint und trennt. Und auf die ohnehin nur Saboteure des Gipfels aller Friedensgipfel neugierig gewesen waren.

Noch nicht überzeugt, liebe Guinness-Rekordler? Dann nehmt wenigstens den Dieter Kosslick auf. Als frischster Newcomer im Kreise der bedeutenden Festivalmacher hat er sich nämlich auf seine Weise tapferst geschlagen. Mit mildestem Spott trat er in eine maximale Zahl von Fettnäpfchen, nicht ohne die meisten von ihnen als solche anzumoderieren. Was soll man etwa gegen sein pforzheimerisches Englisch - "vice chairman" tönt bei ihm wie "vice german" - vorbringen, wenn er zugleich seine "englischen Freunde" so charakterisiert: "Leute, die mein Englisch verstehen, müssen meine Freunde sein"? Andererseits hatte Kosslick, liebe Guinness-Gewogene, selbst zwei weitere Superlative im Köcher. Den Leiter des Filmfests von Pusan nannte er den "charmantesten Festivalchef, den ich in Asien kenne", und für den fortan sachte säuerlichen Alberto Barbera vom Festival in Venedig hatte er gar den Titel "bestaussehender Festivalmacher in dieser Runde" zu vergeben.

Als Superlativ immer noch zu leichtgewichtig? Der ganze Gipfel kein Gipfel? Dann hier nur noch eins, geschätzte Rekordsucher vom Dienst: Thierry Frémaux, weltwichtigster Festivalchef aus Cannes, war zwar eingeladen, doch nicht dabei. Ließ die Weltfilmfestspitzen einfach allein diskutieren. Und das ist nun wirklich der Gipfel.

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