Kultur : Gipfelstürmers Liebesleid

Metaphorisch: Roman Grafs Bergroman „Niedergang“.

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Was ist die Eiger-Nordwand des modernen Großstadtbewohners? Na klar, das Drama der funktionierenden Zweierbeziehung. Drohend ragen die Kommunikationshürden zwischen Männern und Frauen auf. Beider Bedürfnisse und Launen sind so wechselhaft wie die Witterung. Und Selbstüberschätzung der eigenen Fertigkeiten oder falscher Stolz bringen den Tod. Der Liebe wie dem Gipfelstürmer.

Ja, die Metaphorik einer widrigen Bergwelt als Resonanzboden einer scheiternden Liebe einzusetzen, wie Roman Graf das in seinem Roman „Niedergang“ macht, ist nicht originell. Ebenso wenig der Topos vom Kampf des Menschen gegen die Naturgewalten. Letzterer ist trotzdem – auch als Abenteurer- oder Extremsportler-Sachbuch – ungebrochen populär. Je ferner die Natur, desto größer ihre Projektionskraft. Das macht, dass im Goretex-Zeitalter in deutschen Innenstädten jeder Zweite angezogen ist, als plane er die unverzügliche Besteigung des K2.

Der 1978 in Winterthur geborene Graf , der 2009 mit „Herr Blanc“ debütierte und in Berlin wohnt, versteht es nach dem erzählerisch zähen Beginn seines Dramas doch noch zu packen. Allerdings, ganz klassisch, mehr mit dem Berg- als mit dem Liebesduell. Was auch damit zu tun hat, dass die Frau, Louise, eine mürrische Flachländerin aus Mecklenburg-Vorpommern, dem Mann, André, einem biederen, aber siegessicheren Schweizer, der sonst mit ihr in Berlin lebt, im Laufe der Tour von der Fahne geht und – ernüchtert vom Steingrau oberhalb der Baumgrenze – einfach wieder absteigt. André bleibt allein am Berg zurück: „Tausende Jahre alte Berge, höchstes Gestein, Schnee und Eis, das nie schmolz (...) Er hätte sich fallen lassen können (...) fallen lassen für einen Moment der Selbstverdichtung. War er jemals so sehr er selbst gewesen?“

Zumindest nicht seit seiner Pfadfinderzeit, die in seinen inneren, das bisherige Leben reflektierenden Monologen ironisch wieder aufscheint. Sehnsucht nach Selbstverdichtung, Selbstauslöschung, Eingehen in die Reinheit der weißen Gipfel wechselt bei Grafs Erzähler mit der Verzweiflung über den Verlust von Liebe und – womöglich – Leben ab. Am besten kann Graf jedoch das, worin er sich im Motto auf seinen Schweizer Kollegen Ludwig Hohl bezieht: Glück und Leid des Aufstiegs beschreiben. Gunda Bartels

Roman Graf:

Niedergang. Roman. Knaus Verlag,

München 2013,

207 Seiten, 17,99 €.

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