Kultur : Gipfeltreffen

Zwei Madonnen von Raffael in Dresden vereint

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Zwillingsschwester. Raffaels „Madonna von Foligno“ reist aus dem Vatikan zur „Sixtinischen Madonna“ nach Dresden. Foto: dpa
Zwillingsschwester. Raffaels „Madonna von Foligno“ reist aus dem Vatikan zur „Sixtinischen Madonna“ nach Dresden. Foto: dpaFoto: dpa

Gemeinsam standen sie in Raffaels Atelier – und sehen sich jetzt erstmals wieder, nach 500 Jahren. Raffaels „Madonna von Foligno“ reist aus dem Vatikan zu ihrer Zwillingsschwester, der Sixtinischen Madonna, nach Dresden. Die Landeshauptstadt, die 2012 den Geburtstag ihrer eigenen Madonna feiern wollte, bekommt nun kurzfristig eine kleine Sensation.

An alldem ist der Papst schuld. Sachsen hätte ihn bei seinem Deutschlandbesuch im September gerne begrüßt, aber Benedikt XVI. reist nur nach Berlin, Erfurt und Freiburg. Also fiel für Elbflorenz ein Trostpreis ab, aber einer von künstlerischem Weltrang. Es sei, so hieß es am Dienstag in Rom, Benedikt persönlich gewesen, der der „Madonna von Foligno“ eine Ausreisegenehmigung erteilte. Der Vatikan verleiht sie sonst nie. Die römische Madonna ist ein paar Wochen älter als die aus Dresden. Bei ihr ist die Erde noch präsent; Raffael – nach der Begegnung mit venezianischer und ferrareser Malerei „von Farbe entflammt“, so Antonio Paolucci, Chef der Vatikanischen Museen – platzierte sie vor einer zauberhaften Ideallandschaft. Bei der Sixtinischen Madonna markiert nur noch der zurückgeschlagene Vorhang die Distanz des Himmels zur Erde und zum Betrachter hienieden.

Zur Sixtinischen Madonna, die nicht nur wegen der inflationär verbreiteten Putten globale Berühmtheit genießt, pilgern zahlreiche Touristen vergeblich nach Rom. Dass sie wie die Sixtinische Kapelle heißt, verleitet immer noch viele zur Annahme, sie befinde sich in deren unmittelbarer Nachbarschaft. Dabei hatte Raffael sie lediglich für eine Kirche in Piacenza gemalt, die dem Heiligen Sixtus geweiht war. Und seit Kurfürst August III. sie 1754 über Strohmänner kaufte, hängt sie in Dresden.

Die so weit voneinander entfernten Madonnen-Zwillinge ereilte ein durchaus ähnliches Kriegsschicksal: Die Dresdner Madonna wurde 1945 von der Roten Armee nach Moskau entführt, ihre FolignoSchwester war 1797 für 16 Jahre Napoleons Truppen in die Hände gefallen. Damals war sie als drei Meter hohes Altarbild noch auf Holz gemalt; Restauratoren in Paris übertrugen das Werk in einer riskanten, aber geglückten Operation auf Leinwand – und davon profitiert jetzt Dresden. Holzbilder, zumal im Monumentalformat, sind für Reisen viel zu empfindlich.

Die Gegenüberstellung vom 6. September bis zum 8. Januar 2012 in den Staatlichen Kunstsammlungen erlaubt den unmittelbaren Vergleich. Vielleicht fördert er ja neue Erkenntnisse zutage: Für den Engel der Foligno-Madonna hat womöglich derselbe Junge Modell gestanden wie für das Jesuskind auf dem Arm der Dresdner Maria. Flankiert werden die beiden von 18 gleichaltrigen Spitzenwerken nordalpiner Provenienz, unter anderem von Dürer, Lucas Cranach und Grünewald.

Das alles soll der Anfang einer grundlegenden Zusammenarbeit zwischen Dresden und Rom sein. Darauf haben sich Martin Roth als Noch-Direktor in Dresden und sein vatikanischer Kollege Paolucci geeinigt. So wird die nächste Dresdner Ausstellung jene Indianerbüsten und -statuen zeigen, die der Dresdner Bildhauer Ferdinand Pettrich (1798–1872) bei seinen Amerikareisen aus Terracotta hergestellt hat. Ein Kuriosum der Kunstgeschichte: Sie stellen den „Edlen Wilden“ exakt in der Pose klassischer griechischer Helden dar. Noch schlummern die lebensgroßen Indianer, niemals öffentlich ausgestellt, in den Depots der Vatikanischen Museen. Paul Kreiner

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