Kultur : Giraffenhälse brennen nicht

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Von Frederik Hanssen

Das Libretto ist nicht von Marquis de Sade. Schade. Zwar hat der anstößige Aristokrat ein Opus mit dem Titel „Juliette oder vom Segen des Lasters“ verfasst, doch die Textvorlage, die der tschechische Komponist Bohuslav Martinu 1937 für seine „Juliette“-Oper wählte, stammt vom französischen Surrealisten Georges Neveux und heißt, weniger verfänglich, „Juliette oder das Traumbuch“. Um Begierde und Lust, um fiebrige Fantasien und unstillbare Sehnsucht geht es aber auch hier: Der Pariser Buchhändler Michel verliebt sich auf einer Dienstreise in ein Mädchen, das er durchs offene Fenster beim Klavierspiel beobachtet. Zu schüchtern, um sie anzusprechen, steigt er in seinen Zug und fährt nach Hause. Erst drei Jahre später findet er den Mut, ihr gegenüberzutreten. Es kommt zum Rendezvous – und zum Streit, der damit endet, dass Michel auf seine Angebetete schießt, als diese ihm entflieht.

Ein Leichnam lässt sich jedoch nicht finden. Verzweifelt wendet sich Michel an das „Büro der Träume“. Hinter einer verschlossenen Türe vermeint er dort, die geliebte Stimme zu hören. Doch als er den Bürovorsteher, der eigentlich Feierabend machen möchte, endlich überredet hat, ihn einzulassen, ist der Raum leer. Die Suche beginnt von neuem – und Michel kennt noch nicht einmal Juliettes n.

65 Jahre nach der Prager Uraufführung ist die Zeit reif für Martinus „Juliette“: Denn was suchen Menschen, die heute noch in die Oper gehen, wenn nicht diese Atmosphäre des Traumhaften, oft auch Alptraumhaften, diesen steten Wechsel emotionaler Extremsituationen an der Grenze des Vorstellbaren, den das Musiktheater zu bieten hat? Der Superlativ dieses Über-Natürlichen aber ist nichts anderes als der Surrealismus. Es kann ins Märchenhafte entführen wie in der „Zauberflöte“ oder auch unfreiwillig die Grenzen des Verständlichen überschreiten wie in besonders kruden Libretti à la „Trovatore". Höhepunkt des Opernsurrealismus wäre folgerichtig Martinus „Juliette“. Dabei hat das Stück letztlich weniger mit brennenden Giraffenhälsen zu tun als mit brennenden Herzen – und bleibt so, anders als die längst unter der Rubrik „Klassiker der Moderne“ gewinnbringend eingeordnete Ästhetik eines Salvador Dali, aktuell und verstörend.

Der Regisseurin Katja Czellnik und ihrer Ausstatterin Vera Bonsen gelingt es im Bregenzer Festspielhaus glücklicherweise, eine zeitgemäße Optik für Martinus Meisterwerk zu finden. Aus einem alten Hafenbecken scheint sich das Meer zurückgezogen zu haben. Bis auf halbe Höhe der schrundigen Betonmauern ist feinkörniger weißer Sand angeweht worden, Zivilisationsmüll wächst die Wände herauf. In dieser verkehrten und doch so vertrauten Welt leben Menschen ohne Bewusstsein fürs Gestern, zwischen denen Michel wie ein Ertrinkender im Strudel seiner Erinnerungen wirkt. Johannes Chum spielt den Buchhändler mit Ehrfurcht gebietender Konzentration und anrührender Intensität. Sein verzweifeltes, hoffnungsloses Werben um Juliette gewinnt dabei doppelt tragische Tiefe, weil die Traum-Frau keine Chimäre ist - sondern Eva-Maria Westbroek, eine grandiose, mutige Sängerdarstellerin, die mit jedem Ton ihres Soprans menschliche Wärme verströmt.

Dieser Hauch des Humanen ist es auch, der Bohuslav Martinus Musik von der Ästhetik anderer Neoklassizisten abhebt: Wo Prokofiew und Strawinsky zu kühler Perfektion und Zynismus neigen, wo die Mitglieder der Pariser „Groupe de Six“ sich an elegant-ironischen Stilspielereien delektieren, dominiert bei dem tschechischen Exil-Franzosen stets sensibles Einfühlungsvermögen.

Dietfried Bernet macht dies mit den Wiener Philharmonikern unmissverständlich klar, lässt in dem kleinteilig-wuselnden, oft maschinenhaft-metropolitanen Klangbild immer wieder Inseln der emotionalen Innenschau zu und entfaltet so Martinus’ Partitur in ihrer ganzen faszinierenden Vielgesichtigkeit. Geradezu surreal, dass ein solches Meisterwerk sich nie auf den Bühnen durchsetzen konnte! Trotzdem stieß auch die grandiose Wiedererweckung der „Juliette“ am Ende auf verhaltenen Applaus - was daran liegen mag, dass die Bregenzer Festspiele auch heuer eine Woche vor ihrer Salzburger Konkurrenz starteten, und es sich tout Österreich (bis hin zu Bundespräsident Klestil) nicht nehmen ließ, die Eröffnung des Sommertheaters durch ihre Anwesenheit zu nobilitieren. Und Eventhopper lieben es nun einmal nicht, über drei Stunden auf allerhöchstem Niveau emotional wie musikalisch herausgefordert zu werden.

Um so mutiger vom langjährigen Intendanten Alfred Wopmann, an seiner Bregenzer Dramaturgie festzuhalten und den Repertoirehits auf der 7000-Plätze-Seetribüne sowohl Opern-Raritäten im Festspielhaus als auch ein Rahmenprogramm mit Avantgarde-Sprechtheater und zeitgenössischer Musik entgegenzusetzen. Das geht allerdings nur, wenn das jährlich bis zu 200 000 Zuschauer zählende Festival mit den Großproduktionen auf der Bühne im Bodensee richtig Kasse macht. 70 Prozent des 20 Millionen Euro-Etats haben die Bregenzer nämlich selber zu erwirtschaften.

Da kann man sich ausmalen, was im Kopf des Intendanten vorgeht, wenn es am Vortag der Wiederaufnahme von Richard Jones’ und Anthony McDonalds viel bejubelter Freiluft-„Bohème“ 20 Stunden lang wie aus Kannen schüttet. Und niemand wundert es hinterher, dass sich Wopmann auf der Premierenfeier überschwänglich bei IHM bedankt, weil kurz vor Vorstellungsbeginn doch noch der Wetterumschwung kam. Many thanks hatte Wopmann selbstverständlich auch für das britische Inszenierungs-Duo übrig, denn Jones und McDonald schaffen das Unschaffbare: Nicht nur die 1300 Quadratmeter Bühnenfläche ununterbrochen effektvoll zu bespielen, sondern in den entscheidenden Momenten auch jene Intimität herzustellen, die Puccinis Dauerbrenner erst zum Herzwürger macht. Die Bilder mit den gigantischen Bistrotischen und -stühlen im seichten Uferwasser gingen auch jetzt wieder durch alle Zeitungen, das wahre Wunder des Abends aber können sie nicht einfangen: Eine der haushohen Postkarten auf der runden Tischplatte klappt hoch, die Lichtstimmung wechselt, und schon fokussiert sich die Aufmerksamkeit ganz aufs Zwiegespräch der Liebenden, fühlt sich das Publikum näher am Geschehen als in manchem Opernsaal.

Großen Anteil hat daran auch Dirigent Ulf Schirmer. Schnell schlägt der Puls dieser „Bohème“, als gäben Technobeats den Rhythmus vor, und doch klingen die unsichtbar unter der Bühne agierenden Wiener Symphoniker in jeder Sekunde schlank und elegant. Schirmer entdeckt den pathosseligen Melodramatiker Puccini völlig unvoreingenommen, völlig neu: So draufgängerisch, so selbstbewusst vorwärtsstürmend hat man diese Großstadtjugendmusik lange nicht gehört. Und Schirmers Charme passt blendend zur Inszenierung, die – ganz im Gegensatz zu den pappigen Breitwand-Spektakeln im anderen großen Freiluft-Opernhaus, der Arena di Verona – absolut heutig daherkommt. Hier geht es um die Gefühlsnöte echter, lebendiger Menschen. Und die junge, ausnahmslos hervorragend besetzte Solistentruppe stürmt durch das Stück, allen voran Rolando Villazon, ein südländisch-glutvoller Rodolfo, der keine Angst vor hohen Tönen kennt.

Dieser tenorale Beau hat, ganz anders als Martinus’ Buchhändler Michel, wahrlich keine Probleme, aus Fantasien Realität werden zu lassen. Und trotzdem stirbt ihm die Geliebte unter den Händen weg. Da bleibt als Trost nur ein Baudelaire-Bonmot: „Die Frau ist jenes Wesen, das den meisten Schatten und das meiste Licht in unsere Träume wirft.“

Bis 18. August. Infos unter www.bregenzerfestspiele.com oder 0043-5574-4076

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