Kultur : Gischt und Jubelstürme

Rolando Villazón in der Berliner Philharmonie

Ulrich Amling

Ein Zucken seiner pechschwarzen Augenbrauen genügt, und schon liegt das Publikum in der ausverkauften Philharmonie Rolando Villazón zu Füßen. Ein Mann wie ein Magnet. Wer in sein Kräftefeld gerät, für den gibt es nur noch eine Richtung: nach vorn, wo Villazón steht, locker, lässig. Sein Auftritt an der Seite von Anna Netrebko in der diesjährigen Salzburger „Traviata“ hat den mexikanischen Sänger auf einen neuen Gipfel der Popularität geschleudert. Dennoch betritt Villazón das Berliner Podium – ganz gegen sein überschäumendes Bühnennaturell – zunächst eher zaghaft.

Steif wirkt der Rahmen dieser Gala: Die Südwestdeutsche Philharmonie schlurft unter der Leitung von Marco Zambelli durch Rossinis „Tell“-Ouvertüre und ist auch den restlichen Abend nie ein echter Partner für den Tenor. Wie soll ein derart Funken sprühender Musiker in einen Dialog, Wettstreit, ja Flirt mit einem so lahmen, schlecht artikulierenden Gegenüber treten? Da hilft nur Autosuggestion, die Vorstellung eines großen musikalischen Schattentheaters – doch das gelingt Villazón bis zur Pause nur begrenzt. Zu sehr bleibt er festgelegt auf die ihm so gar nicht liegende Rolle des einsamen Arienabwerfers an der Rampe. Das können andere aufpolierter, autistischer, abgezockter als er. Doch kein Tenor erreicht seinen Charme, seine Lust am Spiel, diese Komik im Angesicht des Abgrunds. Sein Nemorino, sein Don José: Wann hat man diese am Rande der bodenlosen Lächerlichkeit vorbeischrammenden Männerfiguren je so bewegend erlebt? Wenn der Veranstalter gewusst hätte, wer Rolando Villazón eigentlich ist, er hätte ihn nicht allein auf die Bühne gestellt.

In der von Todesahnungen durchwehten zweiten Halbzeit spielt Villazón dann hingebungsvoll sein Theater mit der Ewigkeit. Dunkles Funkeln, von zartbitterer Erkenntnis genährt, macht Lenskis Arie „Kuda, kuda“ aus Eugen Onegin zu einem bewegenden Psychogramm der Verzweiflung. Eine lyrische Szene, bevölkert von Gespenstern, meisterlich gestaltet. Und gleich noch ein Todeskandidat: Turiddu nimmt Abschied von Mamma und zieht in sein letztes Gefecht. Seine Trunkenheit ist nur Fassade, dahinter schaut ein wissender Narr bis auf den Grund des Ozeans. Und Villazón ist an der Quelle seiner Kunst angekommen. Es folgen entfesselte Zugaben, die Augenbrauen des Tenors wirbeln: „La Danza“, „Dein ist mein ganzes Herz“. Sentiment und Slapstick gehen eine irrwitzige Verbindung ein. Das Leben ist ein Meer: fürchterlich, herrlich, grenzenlos. Gischt und Jubelstürme.

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