Kultur : Gitarrengrüße aus Greendale

So war der Mittwochabend: Neil Young solo im Tempodrom

Kai Müller

Als Neil Young pünktlich, wie versprochen, die spärlich erleuchtete Bühne des Tempodroms betritt und zwischen seinen Akustikgitarren auf einem Stuhl Platz nimmt, begrüßt ihn frenetischer Jubel. Er lässt ihn über sich ergehen. Auch die vereinzelten Rufe, dieses oder jenes Lied zu spielen, prallen an ihm ab. Er ist hier, weil er was zu sagen hat. Nur ein paar Kerzen flackern im Dunkeln, im Hintergrund steht ein Harmonium, das wie ein Schrein aussieht. In der Begeisterung, dass Neil Young sich nach etlichen Crazy-Horse-Jahren mal alleine seinem fulminanten Repertoire stellt, geht beinahe eine Bemerkung unter, die er in seinem Auftaktstück versteckt. „Dieser Typ“, singt er, „hat diesen Song schon oft gespielt. Gibt es noch etwas, das er nicht gesagt hat?“

Unsere kleine Stadt

Das Leben, ein einziges endloses Lied – of Freedom, of Love. Schon immer hat sich Neil Young als alten Mann gesehen, der die Legenden früherer Generationen weitererzählt und milde das krumme Holz betrachtet, das er als sein Leben hinnehmen muss. Die Jungen machen so viel falsch, aber sie werden es auch noch begreifen – in diesem Gestus beginnt sein Solokonzert mit einem Greis, der auf der Veranda seines Hauses hockt. Bald ist klar, dass Young in den nächsten anderthalb Stunden Stück für Stück die Handlung eines verschachtelten Familienromans entrollt. Der spielt in Greendale, einer fiktiven Kleinstadt an der kalifornischen Küste, in einem Milieu, in dem schon John Steinbeck seine sozialkritischen Landarbeiter-Epen angesiedelt hat. Es ist Youngs erstes Konzeptwerk dieser Art. Er hat es, wie man hört, kurz vor der Europa-Tournee mit einer Band im Studio aufgenommen. Auch einen Film soll er darüber gedreht haben, was erklärt, warum er zwischen den Songs nur kurze, prägnant formulierte Sätze benötigt, um Greendale und seine Protagonisten vor dem inneren Auge erstehen zu lassen. Oder macht er die Tour, um auszuprobieren, wie er die Geschichte noch treffender erzählen kann? Er tut es jedenfalls halb belustigt, halb entnervt. Wissend, dass die Leute eigentlich anderes von ihm erwarten.

Die heile Welt von Greendale zerbricht, als Jeb Green im Drogenrausch einen Polizisten erschießt. Eine Medienmeute fällt über die Familie her, belagert das Haus und treibt den alten Green in den Herzinfarkt. Am Ende erhebt sich Enkelin Sun Green aus den Familientrümmern, eine Idealistin, die zur Öko-Aktivistin wird und sich aus Protest ans Rathaus kettet. „Save the planet for another day“, lautet Youngs Credo, mit dem er der Anti-Globalisierungsbewegung ein melancholisches Menetekel schenkt.

Obwohl kein Song darunter ist, dessen Melodie das Zeug zu einem neuen „Rockin’ In The Free World“ hat, zeigen sie den Sänger von seiner besten Seite: als nachdenklichen Chronisten, der über Fragen wie „Is it a crime to be evil?“ ins Grübeln gerät. Der berührendste Song ist ihm zur Polizistenwitwe eingefallen. Ihre Einsamkeit, ihr Zorn, die Leere nach dem Tod des Mannes, an dessen Seite sie es nur noch widerwillig ausgehalten hatte, zeigen Young auf der Höhe seiner Erzählkunst. Er ist dieser Art Schmerz so nahe, dass er ihm mehr als eine Farbe geben kann.

Dann wieder der Moralist: Er verteufelt das Internet und lobt die Einfachheit der Farmer und Fischer. Wie selbstgerecht diese Verachtung für alles Moderne allerdings auch ist, lässt er seine Gitarre erzählen. Deren Saiten knarzen und krachen wie alte Schiffsplanken im Sturm. Sie zerfetzen, was sich in den Balladen an Harmonien und Lebenserfahrungen angesammelt hat. Selten ist eine Akustikgitarre so laut gewesen – nur noch übertönt von dem schrillen Krächzen eines Megaphons, mit dem Young die Protestkultur nachäfft. Die Gitarre ist vielleicht der eigentliche Akteur dieses Abends. Denn von der Verwüstung der Seelen weiß sie mehr zu berichten als alle Worte. In ihr klingt die schleichende Radikalisierung und eruptive Brutalität, die sich der Weltverbesserer bemächtigt, als dunkles Echo nach.

Der alte Mann und die Sehnsucht

Damit entlässt Neil Young sein irritiertes Publikum in die Pause. Noch ehe die meisten zurück sind, sitzt er schon wieder auf der Bühne, um mit „Lotta Love“ zu demonstrieren, worauf es eigentlich ankäme, wenn man die Dinge verändern will. Ohne Liebe geht es nicht. Es folgen „Comes A Time“, „Don’t Let It Bring You Down“, „Old Man“, „After The Goldrush“ und etliche andere Evergreens. Es ist weniger ein Streifzug durch seine 30-jährige Karriere, als vielmehr ein Spiel mit Motiven. Das offen Politische („War Of Man“) wird gegen vage Sehnsüchte gesetzt („Harvest Moon“), bis „Heart Of Gold“, diese Quintessenz des Youngschen Gralsritter-Daseins, den Abschluss macht.

Ob er mürrisch abtritt, weil sich gezeigt hat, dass er gegen den Glanz seiner Hits nicht anspielen kann, oder nur verschlossen, wer könnte das entscheiden? In seinem Greendale-Drama ist von einem Maler die Rede, der seit der Rückkehr aus Vietnam nur Acid-Gemälde zu Stande bringt. Niemand will sie haben. Erst als der Teufel ihm die Brillengläser putzt, malt er sein erstes gutes Bild.

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