Kultur : Giuseppe Sinopoli: Der Traum des Analytikers

Ulrich Amling

Sein Tod. "Pur ti riveggio!" - "Deinetwegen kehre ich zurück!" So beginnt es, das große Liebesduett im dritten Akt von Verdis "Aida". Am Pult der Deutschen Oper Berlin steht Giuseppe Sinopoli, nach über zehn Jahren zurückgekehrt in das Theater, "das ich geliebt habe und von dem ich geliebt wurde". Freitagabend, der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die spannungsvolle Erwartung jenes dirigentischen Glanzes, wie ihn der Venezianer zuletzt 1990 an der Bismarckstraße entfachen konnte, knistert stärker als jedes Hustenbonbonpapier. Da geschieht das Unfassbare. Das Duett von Aida und Radames verwandelt sich gerade zur zarten Utopie einer gemeinsamen Flucht aus Ägypten, als ein dumpfes Poltern im Orchestergraben die Szene schockgefrieren lässt. Der 54-jährige Sinopoli ist vom Pult gestürzt. Musiker rufen nach anwesenden Ärzten, Sänger treten bestürzt an die Rampe, die Festtagsstimmung in den Reihen weicht dem Gefühl bleierner Lähmung.

Während eine Ärztin laut den Takt für die Herzmassage anzählt, bittet André Schmitz, der kommissarische Intendant der Deutschen Oper, das Publikum, den Saal zu verlassen. Später wird er im Foyer verkünden, dass sich der Gesundheitszustand Sinopolis stabilisiert habe, die Vorstellung aber abgebrochen werde. Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner weiß: Der Star-Dirigent hat einen schweren Herzinfarkt erlitten und liegt im Sterben. Der Bewusstlose wird eilig ins Berliner Herzzentrum gefahren. Aber die Ärzte können ihn nicht mehr retten.

Sinopolis Tod in Berlin - der tragische Höhepunkt eines gescheiterten Wiedersehens: Bei seinem "Aida"-Gastspiel wollte der Dirigent noch einmal mit Götz Friedrich zusammenarbeiten, dessen Tage als Intendant sich ihrem Ende zuneigten. Als eine versöhnliche Geste unter Freunden wollte Sinopoli seine Rückkehr verstanden wissen, Friedrich selbst hatte ihn vor zwei Jahren bei einem Besuch in Rom an die Deutsche Oper eingeladen. Von hier aus hatte der Dirigent 1980, nach einem fulminanten "Macbeth", seine Weltkarriere gestartet, im Gegenzug hatte Götz Friedrich in München "Lou Salomé" inszeniert, die einzige Oper des Komponisten Sinopoli. Damals verstand man sich, diskutierte bis tief in die Nacht über "Ernst Bloch und das Prinzip der Utopie oder das inzwischen so brüchig gewordene Prinzip Hoffnung", wie Sinopoli im Programmheft seiner letzten "Aida" schreibt.

Doch dann kam es zum Bruch: Der Dirigent trat sein Amt als Musikchef der Deutschen Oper gar nicht erst an. Der "Patriarch" Friedrich und die "Diva" Sinopoli - so wurde das ungleiche Künstlerpaar oft charakterisiert - gingen nach diesen turbulenten Tagen des Jahres 1990 getrennte Wege. Das Orchester, das mit Sinopoli auf den Sprung in die internationale Spitzenliga hoffte, und die Berliner Musikszene waren entsetzt. Der Dirigent findet für die Differenzen mit Friedrich diplomatische Worte: "Gemeinsam war uns die radikale Betrachtungsweise menschlicher Existenz, kompromisslos und ohne Einschränkungen. Unsere Unnachgiebigkeit war der Grund für Schwierigkeiten."

Welt, lebe wohl

"Aida" sollte an die guten Zeiten der Ära Friedrich erinnern. Doch die Aufführung geriet gleich zum zweifachen Nachruf. Im Dezember vergangenen Jahres starb Götz Friedrich, kurz nachdem er seine letzte Regiearbeit an der Deutschen Oper beendet hatte. Sinopoli widmete ihm seine zwei Verdi-Dirigate, deren Proben unter keinem guten Stern standen. Radames-Sänger Gegam Grigorian sagte erkrankt ab, Daniela Dessì sang die Partie der Aida trotz fiebriger Infektion. Nur Sinopoli wirkte kraftvoll und entspannt. Interview-Wünsche lehnte der aus dem Urlaub angereiste Maestro aus Sorge darüber ab, als Bayreuther "Ring"-Dirigent in die Querelen um die Nachfolge am Grünen Hügel verwickelt zu werden. Er wollte sich ganz dem Orchester widmen, das einmal das seine hätte werden können - und in den Herzen vieler Musiker wohl auch ist. Hochkonzentriert folgten sie Sinopolis kontemplativem Dirigat, das den Glauben an alle äußere Dramatik überwunden hat und erfüllt von innerer Ruhe die Szenen des Unvermeidlichen ausbreitet. Der Schlussgesang der "Aida", der an diesem Abend nicht mehr erklang, bestimmte seine letzten Taktschläge: "O Welt, lebe wohl, lebe wohl, Tal der Tränen, Traum der Freude, der sich in Schmerzen löst."

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