Kultur : Giuseppe Sinopoli: Sein Leben

Jörg Königsdorf

In einem der wenigen Interviews, zu denen er sich in den letzten Jahren bewegen ließ, analysierte Giuseppe Sinopoli hellsichtig das Gemeinsame seiner drei scheinbar so disparaten Interessen: "Bei der Medizin, bei der Archäologie und auch bei der Musik geht es eigentlich um das Ausgraben von Menschen." Eine Selbstcharakterisierung, die die innere Triebkraft des Künstlers, Forschers und Arztes Sinopoli verrät. Er war ein Ausgräber, dem das Ziel seiner beharrlichen Detailarbeit immer klar vor Augen stand: unter dem Staub antiker Grabkammern, dem Seelenschorf psychischen Leids, dem Mehltau der Opern- und Konzertroutine die pulsierende Lebensader unserer Existenz freizulegen.

Freilich zielt diese Äußerung Sinopolis nicht nur auf das Wohin, sondern auch auf das Wie - auf den akribischen Rekonstruktionsprozess, den er von der Archäologie und der medizinischen Diagnostik auf die musikalischen Klassiker übertrug. Das Scheitern, das Eingeständnis der Unvollkommenheit war bei dieser sich selbst so nachdrücklich zügelnden Herangehensweise immer als Möglichkeit mit eingeschlossen. Die lichte Ausweglosigkeit einer Mahler-Sinfonie durch eigenen Positivismus oder Willen zur formalen Schlüssigkeit zu überspielen, wäre für ihn ebenso undenkbar gewesen wie die Ergänzung einer griechischen Vase durch rekonstruierte Teilstücke.

Es wundert nicht, dass der Dirigent Sinopoli gerade mit jenen Komponisten am glücklichsten war, deren Werke für einen solchen psychoanalytischen Zugang offen standen. Mahler, für dessen Sinfonien er seit seinem CD-Zyklus Anfang der achtziger Jahre als berufener Interpret galt, rückte bei ihm ebenso ins Gravitationsfeld der Psychoanalyse wie Strauss und Wagner. Die spielerische Theatralik der Mozart-Opern umging er dagegen genauso konsequent wie die zündende Komik eines Gioacchino Rossini.

Begonnen hatte es, wie es jetzt, Freitagabend in der Deutschen Oper auf so jähe Weise endete: mit Verdi und seinen blut- und lebensvollen Operngestalten, die zeitgleich mit denen Wagners und auf unendlich vitalere Weise die Fesseln einer standardisierenden Opernkonvention abschütteln konnten. Es war eine "Aida"-Aufführung an Venedigs Teatro La Fenice, die 1977 zuerst das Interesse auf den damals 31-jährigen promovierten Nervenarzt und Dirigierschüler von Hans Swarowsky lenkte. Und es war ein "Macbeth" an der Deutschen Oper Berlin, der 1980 die Weltkarriere Sinopolis begründete. Mehr noch als sein Kollege und damaliger Scala-Chef Claudio Abbado richtete Sinopoli den Fokus auf Verdis präzis psychologisierende Orchestersprache, als subtil ausleuchtender Begleiter, der die sängerische Einzelpräsenz immer in ein großes Spannungsfeld einzuordnen wusste. In der Epoche nach Maria Callas, die vom Niedergang des sängerischen Charismas geprägt war, eröffnete er mit bis dahin bei Dirigenten unter Verruf stehenden Stücken einen neuen Horizont. Damals entstanden Aufnahmen wie die des "Nabucco" mit dem Orchester der Deutschen Oper, deren Wirkung auf die Verdi-Rezeption bis heute anhält.

Das Selbstverständnis Sinopolis als Ausgräber, als Offenleger des unter Schutt und Tradition Verborgenen erklärt auch, weshalb er als Komponist nie wirklich erfolgreich war und mit seinen Werken wie der 1981 in München uraufgeführten Oper "Lou Salomé" lediglich Achtungserfolge erzielen konnte. Immer mehr stand Sinopolis kompositorisches Schaffen in den achtziger Jahren im Schatten seiner kometenhaften Dirigentenkarriere - obwohl die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik schon während seines Studiums am Konservatorium seiner Heimatstadt Venedig dominierte. Und obwohl er schon als 20-Jähriger von Koryphäen der Neuen Musik wie Karlheinz Stockhausen und Bruno Maderna entscheidend geprägt wurde.

Erneuerer der Romantik

Spätestens seit er 1992 nach gescheiterten Verhandlungen um die musikalische Leitung der Deutschen Oper Berlin die Dresdner Staatskapelle und den Chefdirigentenposten an der Semperoper übernahm, wurde Sinopoli endgültig zum Experten für das hoch- und spätromantische Repertoire. Eine Festlegung, die in seiner wachsenden Bindung an Bayreuth (zuletzt als Dirigent des neuen Flimm-"Rings") ebenso zum Ausdruck kam wie in einem Interview, bei dem er provokativ formulierte, Richard Strauss sei progressiver als der Moderne-Apostel Arnold Schönberg. Dem internationalen Musikbetrieb und seiner Einengung der künstlerischen Persönlichkeit stand er bis zuletzt zwiespältig gegenüber. Einerseits gehörte er dazu und verlängerte die Zusammenarbeit mit der Dresdner Staatskapelle auf sechs weitere Jahre. Andererseits liebäugelte er immer wieder mit dem Rückzug aus dem Dirigentenleben. In den letzten Jahren war es zunehmend die Archäologie, die ihm Ausgleich bot: Von seinen Honoraren legte er eine Sammlung antiker Kunst an, die er der Öffentlichkeit zugute kommen lassen wollte. Was der Musiker Giuseppe Sinopoli hinterlässt, ist weit kostbarer.

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