• Giuseppe Verdis Oper "Simon Boccanegra", dirigiert von Claudio Abbado, inszeniert von Peter Stein, findet ein jubelndes Publikum

Kultur : Giuseppe Verdis Oper "Simon Boccanegra", dirigiert von Claudio Abbado, inszeniert von Peter Stein, findet ein jubelndes Publikum

Sybill Mahlke

Kirchen und Mozartkugeln - aber zudem die Philharmoniker aus Berlin: Eine gute Frühlingswoche lang dominiert ihre Musik die Stadt an der Salzach, wo die Magnolien blühen. Gegründet von Herbert von Karajan, sind die Osterfestspiele Salzburg jeweils Chefsache und somit auf dem Weg, aus den Händen Claudio Abbados in diejenigen von Simon Rattle zu gehen. Noch aber und mit einem für das Jahr 2001 angekündigten "Falstaff" herrscht Abbado als Künstlerischer Leiter, der dem Opern- und Konzertfestival die philharmonische Reihe "Kontrapunkte" als festes Begleitprogramm angefügt hat, mit zeitgenössischen Kompositionen und dem schon traditionellen Lyrikabend.

Wenn Claudio Abbado den Orchestergraben im Großen Festspielhaus betritt, setzt es VorausBravos, denn die Wertschätzung des stillen Maestros ist voll auf der Höhe. Und schon schlägt er mit der dunkel eingefärbten Achtelbewegung des "Simon Boccanegra"-Prologs die Grundstimmung der Oper an. Auf der Beliebtheitskala der Werke Giuseppe Verdis schwankt der "Simon" im mittleren Bereich. In seiner letztgültigen Gestalt, wie der Komponist das ihm am Herzen liegende Stück zusammen mit Arrigo Boito umgearbeitet hat, steht ihm heute mehr und mehr die Zukunft offen. Die Aufführung plädiert dafür, das Verdikt der "Musikverschwendung an einen unmöglichen Text" fallen zu lassen.

Nach dem Vorjahrs-"Tristan" stehen die Philharmoniker mit ihrer großen Sinfonie-Geschichte vor einem italienischen Theaterstück, das dem Orchester sinfonische Selbstständigkeit verweigert. Der theatralische Akzent, die jeweilige Theatersituation soll, so Verdi, "mit einem Schlag klar und evident" werden. Es ist erstaunlich, mit welcher Inbrunst sich die Musiker in diese Rolle fügen. Aus dem Klarinettensolo von Wenzel Fuchs klingen Naturstimmung, erwachender Morgen und das Meer heraus. Das "hm-ta-ta" der Pizzicato-Streicher weist der Kantilene Boccanegras den Weg. Ein "Stil des fixen Epithetons", wie der wahlverwandte Komponist Luigi Dallapiccola ihn bei Verdi findet, soll herrschen, wenn das Volk sich heimlich zur Verschwörung versammelt, wenn Gift und Dolch und eine erträumte Milde einander rasch abgrenzen. Das Berliner Philharmonische Orchester und Claudio Abbado dienen also mit dramatischer Schlagkraft einem Musiker, der sich selbst, als er sich im Mittelpunkt von allgemeiner Verehrung sieht, so definiert: "Nein, nein, lassen Sie den großen Komponisten beiseite, ich bin ein Theatermann!"

Angesichts eines schwachen Textbuches ist mitzudenken, dass die Verdibühne mit politischer Utopie zu tun hat und der "Simon" mit dem Entwurf eines gerechten und gütigen Herrschers. In diesem Sinn ist der Titelheld ein Ideal: Er strebt nicht nach Macht, wird dennoch Doge von Genua, übt sein Herrscheramt souverän aus mit dem Ziel der Einigung Italiens, ist ein liebender Mann und Vater, versöhnt Vertreter aus Volk und Adel und ruft sterbend seinen vormaligen Feind Adorno zu seinem Nachfolger aus. Carlo Guelfi gibt dieser Rolle sein imposantes Profil und schönen stimmlichen Nachdruck.

Was dem Regisseur Peter Stein begreiflicherweise zu schaffen macht, sind die Gesetze der Breitwandbühne und die Schwierigkeit, Politisches wie den Kampf der Parteien und Klassen mit den privaten Schicksalen als dramaturgische Begründung übereinzubringen. Dies ist keine Bühnenbild-Inszenierung. An Anna Viebrock oder Gisbert Jäkel oder Herbert Wernicke darf nicht gedacht werden. Stefan Mayer und Moidele Bickel gefallen sich in der Beschränkung, den musikalischen Bildern wenig hinzuzufügen. Ein Palazzo muss sein, weil er den Reichtum des Patriziers Fiesco, dem die Tochter, Boccanegras Geliebte, wegstirbt, in Kontrast zu dem einfachen Handwerker Paolo demonstriert. Peter Stein zeigt mit dem famosen Sänger Lucio Gallo, dass in diesem Paolo ein kleiner Jago steckt. Die tiefen Männerstimmen im Prolog nehmen sofort für sich ein. Vor dem gläsernen Schneewittchen-Sarg seiner Tochter kniet Fiesco, der Sänger Julian Konstantinov mit dem sensibelsten Bass: "Maria, bitte für mich." Dann begegnet der traurige Vater dem Volksmann Simon Boccanegra, dem er die Tochter verweigert hat. Da gibt es einen dieser Momente, wo Peter Stein der Risorgimento-Oper ein - verbotenes - Gefühl gönnt: Eine menschliche Annäherung, die Hand auf der Schulter des Feindes, als es um die verschollene Enkelin Fiescos geht.

Es wird viel umarmt, gesegnet und geflucht in dieser Oper, deren musikalischer Grundton der religiöse bleibt. Da kann das bürgerliche Trauerspiel, das Peter Stein so sinnfällig beherrscht, nicht ausreichen. Der dramatische Wurf, die kollektive Geste im Parlament der Ratsherren, die dem kollektiven Dialog Rechnung trägt, gelingen ihm weniger, zumal da die Bühne der Sache mit optisch Exzeptionellem nicht aufhilft. Die Renaissancedamen bilden eine dekorative Gruppe, wenn sich das Kind Boccanegras 25 Jahre später als Frau am Meer wiederfindet. Nun ist sie verliebt und der Geliebte - Roberto Alagna mit seinen schönen, strapazierten tenoralen Gaben - seinerseits dem Vater nicht recht. Mit liebevoller Menschenkenntnis inszeniert Peter Stein die Erkennungsszene zwischen dem Dogen und Amelia, wo die Primadonna - Karita Mattila verträgt den Titel - ganz junger Mensch und Tochter ist, Ungeduld und Hingabe.

In der Mitte des Dogenpalastes steht ein Goldpokal, ein Trinkbecher, wie geschaffen zum Giftattentat Paolos, dem Boccanegra schließlich - "ein derart langes Sterben!!" (Verdi) - erliegt. Rote Samtvorhänge beherrschen das Bild. Wie das Volk hin- und herrennt nach rechts und nach links in Scharen, das nimmt die Breite des Szenariums ernst. Als verschleierter Background-Kitsch wird die Trauung des Paares Amelia-Adorno sichtbar, deren holde Begleitgesänge den Giftmischer Paolo ekeln. Noch ist wieder zu umarmen - Fiesco die Enkelin, die verloren geglaubte - und zu segnen - Boccanegra das junge Paar, also Amelia mit dem neuen Dogen -, bevor eine Pietà zurückbleibt: Tochter und Vater - surreal beleuchtet und emporgehoben.

In ihrem Rahmen bleibt die Inszenierung konventionell, aber ihr Wechselbad zwischen großem Faltenwurf, Rache und lieblichen Gefühlen ist nicht ohne Spannung. Zumal die Musik dafür sorgt, dass der Jubel des Publikums kein Ende nehmen will.

Salzburger Frühling: Peter Stein schlendert durch die vertrauten, nicht immer geliebten Gassen, während sein Lebensprojekt "Faust" eine Auszeit genießt, und aus dem Hotelfenster nebenan kommen konzertmeisterliche Geigenklänge.

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